„Es ist alles, nur kein Heimatroman!“

Mit Blasmusikpop oder Wie die Wissenschaft in die Berge kam gelang der jungen niederösterreichischen Autorin Vea Kaiser auf Anhieb ein Erfolgshit. Neben Platz 1 in der ORF-Bestenliste und großer Begeisterung bei LeserInnen wie Presse, wird er ins Tschechische und Niederländische übersetzt, der Filmvertrag wurde unterschrieben und ein Hörbuch erscheint und . „The Gap“ – Das Magazin für Musik, Film, Games, Web & Creatives sagt ihr sogar das Talent eines Michael Köhlmeier nach. Die Geschichte um ein kleines Dorf in den Bergen, das auf skurrile und humorvolle Weise mit der Außenwelt in Kontakt kommt, hat voll eingeschlagen. Das Alpenmagazin hat die junge Schriftstellerin zum Gespräch über ihren Erstling und seine Hintergründe getroffen.

„Das ist wahnsinnig anstrengend, es ist einsam, es geht auf den Rücken, es geht auf die Gelenke, es ist mühsam“, sagt Vea Kaiser über das Schreiben. Es ist ihr „Transportmedium“ dafür, worum es ihr eigentlich geht: das Erzählen von Geschichten. Das unscheinbare, hip eingerichtete Kaffeeprovisorium, das juveniles Interieur, unkompliziert zusammengeschichtet, in eine baufällige Umwelt pflanzt, passt zu der Direktheit, dem skurril Ungeschönten, dem humorvoll Schillernden, der kompromisslosen Bodenständigkeit von Blasmusikpop. „Ich bin kein abstrakter Mensch, ich bin sehr konkret“, gesteht die Autorin und verwehrt sich gegen jede Anspielung, die Geschichte in bzw. um das abgeschiedene, auf keiner Karte verzeichnete, alpenländische Bergdorf St. Peter am Anger und seiner Bewohner sei ein Heimatroman: „Es ist alles nur kein Heimatroman! Die Merkmale des Heimatromans: das überbordende Beschreiben der Natur, die moralisierend idyllische Haltung sind ja nicht da. Zumindest habe ich sie noch nicht erkennen können. Man muss aufpassen, weil viele Menschen fälschlicher Weise das Setting Land, das Setting Dorf sofort mit Heimatroman gleichsetzen.“ Außerdem distanziert sich Kaiser vom politisch vereinnahmten sowie historisch negativ belasteten Heimatbegriff. Dass man gerade in Österreich dazu neigt, es als Österreicher-Roman wahrzunehmen widerspricht auch ihrer überregionalen Idee: „Es wird zu keinem Zeitpunkt erwähnt, dass das Dorf in Österreich liegt. Es liegt ja in den Sporzer Alpen. Für mich ist es hochfiktiv. In der ursprünglichen Fassung war das Dorf gar nicht einmal in den Bergen. Die Berge kamen erst als Metapher für die Abgeschiedenheit. Für mich war es nie im Leben ein Österreich-Roman.“
Das zu unterstreichen wählte sie als Familiennamen für ihre Figuren Berge, die in Bayern, in der Schweiz, in Österreich und in Südtirol liegen: „Das war ein Spiel, dass ich das auf verschiedenste Gegenden im alpinen Raum verstreuen wollte.“ Ein Indiz dafür, dass Kaiser nicht an das Konzept der regional gebundenen Heimat glaubt: „Meine Herkunft ist Niederösterreich aber meine Heimat ist die deutsche Sprache. Ich habe in Österreich, Deutschland und der Schweiz gelebt, ich bin in allen Ländern einmal im Monat unterwegs und fühle mich dort sehr wohl. Ich sehe Heimat als etwas lokal Verschiedenes.“ Ähnliches gilt für die Wahl der Sprache und des Dialekts in der direkten Rede: „Mich fasziniert die Variationslinguistik. Es gibt ein Schweizer Hochdeutsch, ein Österreichisches Hochdeutsch und ein Deutsches Hochdeutsch. Für mich war dann irgendwann klar: Ich bin österreichische Autorin und habe das Recht mein österreichisches Hochdeutsch zu verwenden. Das war für mich eine bewusste Entscheidung beim Schreiben“, erklärt sie zwischen umzugsbedingten Rückenschmerzen und Milchkaffee. „Was den Dialekt betrifft, er war mir wahnsinnig wichtig, weil es in dem Buch auch um Eingrenzung und Ausgrenzung in Gemeinschaften geht. Gerade der Johannes (Anm.: Protagonist) erlebt ja auch dadurch, dass er keinen Dialekt mehr spricht eine wahnsinnige Ausgrenzung. Es ist ja auch kein existierender Dialekt, den ich verwende. Es handelt sich um eine Mixtur, die linguistisch so nicht funktionieren würde, weil so viele Sachen zusammengemischt sind, um der Assoziation mit einem bestimmten Dialekt fern zu sein.“
Dennoch spielt für die Geschichte um Johannes A. Irrwein, Enkel des Bandwurmforschers Johannes Gerlitzen, der gegen die Engstirnigkeit und den unreflektierten Traditionssinn seiner Mitbewohner seit frühester Kindheit eine starke Abneigung hegt, die Auseinandersetzung mit der Herkunft eine Rolle: „Es geht ja im Roman auch darum, dass der Johannes lernt, seine Wurzeln zu akzeptieren. Wo man herkommt, das kann man zwar verleugnen aber nicht ändern. Jeder Ort der Welt hat seine positiven und negativen Aspekte. Es gibt nicht das pure Gute und nicht das pure Schlechte im Menschen, daran glaube ich nicht. Der Johannes dämonisiert ja dieses Dorf und sieht und erkennt, dass Erwachsenwerden bedeutet, auch die positiven Seiten zu akzeptieren.“ Sein Vehikel ist die Geschichtsschreibung im Dunstkreis eines Herodot. Was ihn treibt, über den Horizont des vom Bergkessel eingegrenzten Heimatdorfs zu blicken, ist seine wissenschaftliche Neugier nach dem Fremden: „Für das Dorf ist das Fremde das Bedrohliche, das was Angst macht, das was man nicht weiß, dort wo Gefahr lauert. Für den Johannes ist das Fremde das Anziehende, das Schöne, das Großartige. Ich glaube, dass es im Roman auch darum geht, die Seiten des anderen zu verstehen, zu akzeptieren und zu respektieren.“ Kaiser charakterisiert den Johannes als „Träumerfigur, die mit einem Fuß in der Traumwelt, mit der anderen in der Realität steht. Er hält sich ja für einen Wissenschaftler, weil für ihn die Wissenschaft dadurch definiert ist, Motivation und Hingabe zu haben. Wissenschaft schafft Wissen und ist eine Tätigkeit, die immer mit Scheitern behaftet ist. Insofern ist die Johannesfigur auch ein Spiel mit dem übertriebenen Selbsternst, die sich auch gerne im Umfeld von Wissenschaftlern findet, die sich allein durch das Verwenden einer gewissen Terminologie für wissenschaftlich halten.“ Eine karikierende Abrechnung einer Wissenschaft, der es mehr um die Form als um die Frage gehe: Wie erzeuge ich Inhalt? „Auch Johannes versucht, eine gewisse Form zu bewahren, um sich dahinter zu verstecken.“ Diese Formverliebtheit zeige sich auch darin, so die Autorin, dass wenn wir etwas in eine Form stecken, darin mehr Wert vermuten gleichwie hinter vorgestellten Titeln.
Die offenherzige besonnene Altgriechisch-Studentin mit klarem Geist und klarem Blick freut sich vor dem Hintergrund ihres Erfolges ganz besonders, dass sie „in den 21 Monaten im stillen Kämmerlein wirklich etwas geschaffen hat, das auch anderen Menschen eine Zukunft bringt. So etwas ist nicht planbar, nicht vorhersehbar und mit dem hat auch niemand gerechnet, nicht einmal ich in den größten Wunschträumen.“ Doch sogleich ist sie wieder auf dem Boden: „Man darf nicht vergessen, dass Literatur, dass Bücher auch Produkte sind. Das Schreiben eines Buches ist fast etwas Heiliges, etwas Magisches aber das Veröffentlichen und Promoten ist ein Business wie jedes andere.“

[Klaus Oberrauner, KulturToDate, April 2016]

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