„Genormte Einheitskörper und Einheitsseelen wären das Ideal für Herrscher und Arbeitgeber“

Prim. Dr. Klaus Mihacek, ärztlicher Leiter am Psychosozialen Zentrum ESRA, ist Spezialist für Psychiatrie und Neurologie. Im Interview erzählt er über das Trauma, das auch der Holocaust hinterlassen hat, das Trauma in der Gesellschaft und die Besonderheiten von ESRA.

Was bedeutet Ihnen die Zusammenarbeit mit ESRA? Was ist das Besondere an dieser Institution?
Prim.Dr. Klaus Mihacek: „ESRA ist eine europaweit einzigartige psychosoziale Institution mit einem interdisziplinär strukturierten Angebot, das auf die ambulante Beratung, Behandlung und Therapie von Psychotraumata spezialisiert ist. Vorrangige Zielgruppen dieser Arbeit sind Überlebende der nationalsozialistischen Verfolgung und deren Nachkommen sowie Betroffene, deren Traumatisierungen andere Ursachen haben, etwa Gewalt, Verfolgung und/oder Flucht. Die Arbeit in ESRA bedeutet thematisch wie inhaltlich eine Herausforderung, manchmal belastend aber dabei immer vielfältig und sinnstiftend.“

Was ist ein „Trauma“? Wie äußert sich die Symptomatik?
Prim.Dr. Klaus Mihacek: „Trauma ist ein vernetzter Prozess, nicht das Ereignis, sondern die Wechselwirkung von Nervensystem auf psychologische, biologische und soziale Faktoren bildet ein bestimmtes Störungsbild aus. Traumatische Störungen zeigen sich daher in vielerlei Symptomatik. Menschen, die Situationen erlebt haben, in denen sie in für sie unabsehbarer Weise bedroht, gedemütigt, gefährdet, geächtet, isoliert, körperlich und/oder seelisch misshandelt, zwangsinterniert, ihrer vertrauten Umwelt entrissen wurden, leiden oft noch Jahre später als Folge dieser Extremsituation. Solche Extremsituationen führen bei jedem Betroffenen, sei es als Opfer oder als Zeuge, zu tiefer Verzweiflung. Typische Merkmale sind das wiederholte Erleben des Traumas auch lange nach dem Ereignis, emotionale Stumpfheit, Teilnahmslosigkeit, Angst und Panikattacken. Auch eine andauernde Persönlichkeitsänderung kann der Erfahrung von extremer Belastung folgen. Es kommt zu einer Chronifizierung der Belastungssymptome. Solche irreversiblen Persönlichkeitsänderungen werden bei Menschen beobachtet, die Extremsituationen im Ausmaß von Katastrophen, Geiselhaft, Folter und Aufenthalt in Konzentrationslagern mitgemacht haben. Kennzeichnend sind weiters sozialer Rückzug dann, wenn die Traumatisierung durch andere Menschen verursacht wurde (man-made-disaster). Das führt zum Verlust des Vertrauens in die Mitmenschen schlechthin.“

Wie tief sitzt noch das Trauma der NS-Verfolgung? Wie äußert sich die Symptomatik bei Verfolgungs- oder Misshandlungs-Trauma?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Das Holocaustsyndrom entspricht in seinen charakteristischen Merkmalen denen des posttraumatischen Belastungssyndroms nach einem man-made-disaster. Darüber hinaus ist aber die historische Bedeutsamkeit des Traumas zu beachten. Der Holocaust hat über mehrere Generationen hinweg noch immer seine verwüstende und zerstörende Wirkung. Kein anderes traumatisierendes Ereignis ist für eine derartig große Anzahl von Menschen kollektiv wirksam. Mehr als bei jedem anderen Trauma wirkt das Entsetzliche über die Generationsgrenzen hinaus. Dadurch, dass das Trauma auch kollektiv erlebt wurde, ist das Vertrauen in die Möglichkeit einer einfühlsamen Mitwelt noch mehr zerstört. Der Unterschied zu individuell erfahrener Misshandlung besteht darin, dass kollektiv Betroffene eine gesellschaftliche Tatsache in einem Gemeinwesen darstellen. Die politische und moralische Kompetenz eines Staates zeigt sich darin, wie er mit den opfern staatlicher Willkür und Gewalt umgeht.“

Warum werden psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft häufig ignoriert, tabuisiert, verharmlost oder überhaupt nicht wahrgenommen?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Was als krank bezeichnet wird, steht immer im Kontext einer durch Zeit und Umstände geprägten Gesellschaft. Die Bedeutung von Benennungen konstruiert eine folgenreiche Realität, sowohl für das Einzelindividuum als auch sein soziales Umfeld. Begriffe sind nicht bloß eine Beschreibung einer angenommenen Realität außerhalb, sondern ein eigenes realitätsstiftendes System. Begriffe wie „abnorm“ oder „psychisch krank“ deuten nicht nur Realität sondern konstruieren auch eine. Genormte Einheitskörper und Einheitsseelen wären das Ideal für Herrscher und für Arbeitgeber. Individualität und Abweichung macht schwerer einordenbar, schwer beherrschbar. Daher ist in vielen Kulturen immer schon der Abweichler ausgesondert worden. Die menschliche Angst vor dem Fremden wird dann dazu instrumentalisiert, um alle, die anders sind, wegzusperren, zu marginalisieren, bis hin zur Verfolgung und zur Vernichtung.
Der ideale „Normmensch“ unseres neoliberalen kapitalistischen Gesellschaftssystems ist gesund und leistungsstark. Besonders brutal wurde das im Nationalsozialismus verordnet: es wurden diejenigen umgebracht, die nicht leistungsstark dem Volke dienten.
Krankheit ist auch heute noch mit Schande besetzt, im Sinne von Werteverlust. Wer sich nicht leistungsstark, fröhlich, voller Vitalität fühlt, ist nicht „normal“, also „krank“.“

Was hat Sie dazu bewegt, sich mit dieser Materie beruflich auseinanderzusetzen?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Schon früh in meinem Medizinstudium war es für mich klar, dass ich die Fachausbildung für Psychiatrie machen möchte, obwohl das Fach Psychiatrie in den 1980er Jahren noch nicht die Anerkennung in der Medizin und Gesellschaft hatte wie heute. Ich habe mich auch schon während des Studiums bei NGO-Organisationen engagiert und tue dies bis heute.“

Landläufig heißt es: Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Unter einem gesunden Körper kann man sich etwas vorstellen. Was aber macht einen „gesunden“ Geist aus? Wie kann man einen solchen pflegen?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Geistige Gesundheit wird anhand mehrerer Merkmale beschrieben. Liebesfähigkeit, sowohl im Geben wie im Empfangen; Selbstachtung und Selbstvertrauen; Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit; die Fähigkeit von persönlicher Sinnstiftung; das Gefühl von Freiheit in Gedanken, Worten, Bewegung und Kreativität; das Gefühl von Verbundenheit in einer Gemeinschaft. In gewissem Maße kann sich eine Einzelperson individuell um diese Faktoren bemühen, es gibt jedoch eine Verantwortung der Gesellschaft (sprich Politik), Rahmenbedingungen zu schaffen, dass dies den Einzelnen möglich ist.“

Was würden Sie sich für die Zukunft der ESRA und die Zukunft der Gesellschaft wünschen?
Prim. Dr. Klaus Mihacek: „Wir möchten die Erfahrungen und die Kompetenz, die wir seit dem Bestehen von ESRA, mit der Gruppe von Menschen die der NS-Verfolgung ausgesetzt waren, erworben haben, weitergeben und zugänglich machen für Menschen, die auf Grund von anderen Ursachen traumatisiert wurden. Wir möchten einen Platz für traumatisierte Menschen bieten, wo sie ohne große Hürden und lange Wartezeiten professionelle Hilfe erhalten.“

 

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