Ein Bild aus Erde

Wie gut die Idee aus dem Freundeskreis, wieder einmal das MUSA (Museum Startgalerie Artothek) zu besuchen. Das ehemalige Museum auf Abruf, die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Kulturabteilung der Stadt Wien, ist ein schöner offener Raum. Offen für alle, die entdecken und kennenlernen wollen. Offen in den weitatmenden, weißen Wänden und dem Licht, das von draußen kommt. Zusammengespaltete Liebesbriefe aus asiatischem Bütten, Schriftfarbekomponenten oder ein Bild für Blinde, das die japanische Insel Honshu vorstellt, zählten zum Beachtenswerten. Um ein großes Bild in einer Wandnische drängte sich eine Gruppe junger Menschen, denen die Frage nicht nur aus den Augen kam: Ja, was ist denn das? Zunächst wirkt es wie ein wuchtiger, dunkler Klotz. Doch je näher man kommt, desto eher eröffnen sich in schwarzen, grauen, braunen Schatten, durchzogen von feinen Brüchen die Konturen. Ein Portal, über das sich ein Bogen schlägt, umrahmt von blockartigen, wuchtigen Mauern. Der Arc, halb verfallen, im Vergleich dazu sonders fragil, lässt an den Eingang in eine romantische mittelalterliche Herrschaftswelt denken. Alles unter gräulichweißem Himmel.
Die verträumten Augen der Jugend erlischen rasch, denn tatsächlich handelt es sich dabei um den sogenannten Kreuzstadel in Rechnitz (einer Dreitausendseelengemeinde im österreichischen Burgenland an der österreichisch-ungarischen Grenze), der – vom Zahn der Zeit nicht verschont – als Mahnmal für einen schmerzvollen Fleck in der Geschichte sein Sein fristet.
„In der Nacht zum Palmsonntag 1945 wurden 180 Menschen, meist ungarische Juden, aus einem abgestellten Viehwaggon getrieben und beim Kreuzstadel in Rechnitz ermordet“, erzählt die Künstlerin Eva Choung-Fux von den grausigen Machenschaften. „Bauern, die gezwungen waren eine Grube auszuheben, wurden ebenfalls exekutiert.“
Als dann kurz darauf der Zweite Weltkrieg zuende ging, saß der Schock tief. Man hatte zu tun zu schlucken und den Schutt wegzuräumen. „In Österreich hat es 50 Jahre gebraucht, um Erinnern zuzulassen.“ Erst Mitte der 1990er Jahre wurde damit begonnen, die sich überlassene Stätte dem Mantel des Vergessens zu entreißen. Die 1935 in Wien geborene Künstlerin übergab 2012 den Großteil ihres Hauptwerks an die Sammlung zeitgenössischer Kunst der Kulturabteilung der Stadt Wien – MUSA. Darunter dieses Rechnitz. „Das ist eine Fotografie auf Erde“, schürt eine Museumsbitarbeiterin das Staunen.
Tatsächlich hält die seit den 1960er Jahren zu einer zentralen Größe der Wiener Kunstszene Gehörende die Zeit fest: Mit dem Fotoapparat und mit dem Stoff, der das Greuel in sich aufgenommen hat, zugleich ein Biotop ist.
„Ich fotografierte die Ruine und nahm einen Kübel Erde vom Ort mit. Im Studio fixierte ich die Erde auf Leinen und machte sie fotosensibel.“
Ein sehr langer und schwieriger Prozess voller Experimentieren.
Aus dem Fundament schimmert es: „23. MÄRZ 1945 ÖSTERREICH BURGENLAND RECHNITZ KREUZSTADEL OPFER TÄTER NIEMALS VERGESSEN.“
Es schlägt ein und es bleibt in seiner aufrichtigen Schwere.
Leichter fällt eine junge Schrift im Buch, in dem sich Besucher mitteilen können:
„Liebe Eva, ich habe Sie und Ihr Werk vorher noch nicht gekannt. Ich bin froh, dass Sie helfen, dass wir die schlimmen Sachen, die passiert sind, nicht vergessen. Mir gefallen Ihre Werke so gut und ich komme gerne wieder ins Museum.“
Zu einem Bild aus Erde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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