Hohlweg

 

Geschehnis in Miniaturen auf ein Bild von Lorenz Bögle.

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Bild (c) Lorenz Bögle 

I.
Das Rad rumpelte rüde über die Rillen der abgeschalgenen Steine.
„Curre! Curre!, trieb der Schmächtige die Gäul, die wie irre schnauften.
Hinan über den Hügel, in das Geläub.
Aus dem Vorhof hallten sie den Unmut des staubigen Himmel in die Kammer.

II.
Das Milch ihrer Hüften, wie Gerüchte zu hoffen verstreuten, ließen wahrlich kein Unterscheid zur fernen Seide nachfühlen, die seiner Liegstatt vorhing.
Sein Schnalz forderte den irdenen Bottich. Er presste, wie stets, den Daumen in die Delle, die ihm ein thrakischer Seher als Jupiters Eifersucht gedeutet.
„Verstehst du, was das bedeutet?“ Er fischte sich eine der in Honig getünchten Datteln und zog damit einen gelblichen Kreis um ihren entblößten Nabel. „Verstehst du das?“ Sie ächzte nur, als er begierig das Süß auf ihrem Bauch schleckte.

III.
„Was ist?“, forschte der weißlockige, kraftvolle Grieche, die die ungestümen Tier des Ankömmlings beim Zaum packte und angestrengt zur Ruhe zwang.
„Ave! Nachricht bring ich, dem Herren. Es eilt gewaltig.“
Er richtete sich die im Galoppe zerfledderten Federn auf seinem polierten Helm.
„So gebt!“

IV.
Als ob sie es nicht verstünde, womit ihre Keuschheut verbunden. Als ob sie es nicht verstünde, dass sie sie nicht mehr wert war. „Ohja, Herr.“ Und sie ließ sich beflecken, so wie sie ihn sich bis in alle Ewigkeit versündigen ließ. „Ohja, Herr.“ Ihre dünnen Tränen trockneten sich in ihre heißen Wangen.
Der Bottich fiel ihm auf den Boden, als es gegen die Türe hub.
„Herr, ich bin es!“ „Verdammt, Grieche, was ist?!“

V.
Die Epistel fassungslos bestierend war er aufgesprungen. Nackend stand er in der Türe. Blut an den Füßen. Jupiters Scherben waren scharf. Zurück und im Kreis, das Kinn an die Wand gelehnt, äußerte er feuerlos: „Die Barbaren wüten. Sie martern unsere Stadt. Mit flammend Zungen sprechen sie.“
Er wandte sich: „Sattle und packe Grieche, was wir haben.“

VI.
Durch den Hohlweg hinter das Haus trieb der Grieche das Gefährt.
Dorthin, wo sante Hügel sich gen Norden in Richtung Via Aurelia breiteten.
Im Winkel seines klaren rechten Auges flocht sein Herr die Abtrünnige mit ihrem ellenlangen Kupferhaar an das Wagengestänge.
„So ehrvoll kannst du nicht gewesen sein, dass ich dich nicht dem zuführe, das dich ausgespuckt.“

VII.
Geäschert roch das Himmelsschwarz.
„Noch ist’s nicht kalt.“ Der Grieche war klug.
Sie wagte kein Gerühr vor Schmerz, als es scharf vom Wege abging, mitten in die Kräuter und die hinterste Anhöh hinein. Schnaubend bremste der Getreue die Hufer. „Entbind sie!“ „Sehrwohl, Herr.“

VIII.
Er packte sie gestrenge bei der Schulter.
„Nehmt mich doch bitte mit, Herr. Tut nicht so, als bedeute es Euch nichts. Als könntet ihr ablegen, was Euer Herz Begehr einnähet.“
„So wie Ihr in das Feuer der Vesta ausspucktet?“
Noch einmal schwieg er sie an. Mit Abscheu, dann stieß er sie in den Hügel hinein mit höhnischem Lachen. Der Grieche schichtete wohl das Erdreich über die Luke. „Auf Verreck und Vergessen.“

IX.
Das Dunkel erweckte ihr keine Furcht.
Der Himmel der Nacht war ihr selig. Stete Trostdecke. Auf die Wiese schlich sie und schaute hinauf. Welch Leuchten. So viele kleine Sonnen.
„Was ist das?“, staunte sie.
„Das ist die Poesie der Sterne. Sie erzählen uns von dem, was war und von dem, was noch vor uns liegt. Wie viele sind taub für ihre Sprache. Und was sie uns verraten, das ist unser Geheimnis.“
Kupfern äugte ein Licht über ihrem Zuhause.
„So schön. Was sagt sie uns, seine Poesie?“
„Komm, es ist Zeit zur Ruhe.“ Die Stimme des Weisen klang fest nach kurzem, stummem Lesen.

X.
Es waren fünf wilde Wagen. Sie holperten die abschüssige Quere unterm Walddick einher. Achtlos an den heiligen Wüchsen vorbei, die ihrer Ruh Gestör heimlich Grimm zollten. „Was wollen wir tun? Ich höre die Wagen.“
„Etlich römisch Gespann, so mich nichts täuscht.“
„Wohl nicht, wie es schlägt.“
„Sie haben Wort gebrochen.“
„Der Himmel lügt nie.“

XI.
Der feuchte Innenmoder fraß sich unter ihre Fingernägel, um nicht mehr fortzugehen. „Mutter Erde fordert uns alle zurück.“ Sie erschrak. Durch eine Nische gebrochen, hockte ein Knorriger, seinen aschernen Bart zu einem aberlangen Zopf geflochten. „Seid ihr tot?“ „Ich glaube schon, mein Kind. Aber zu sein haben wir noch so lange dieser Docht gewährt.“ Er legte sich auf den Rücken. Dick wie die Säulen Apollos und übermeterhoch ragte sie mit ihrer kleinen Leuchte. Die Kerze. „Warum?“ Die Antwort schwieg.

XII.
Harsch schnürte das Leder ihre Hände. Hämisch schaute der hochgeschmückte Kämpfer. Ihr Auge hielt stand. Worauf er ihr sonnenmüdes Haar durchstrich. „Bemüh dich nur nicht um deine falsche Zärtlichkeit“, bedachte sie den Fremdling. So scharf, wie sein knappes Schwert nicht hätte schneiden können. „Der Ewigen Freude kannst du schon sein.“ „Kommen werde ich, aber beherrschen wirst du mich nicht. Ebenso falsch wird mein Gehorchen sein.“ Ächzend sank der Weise auf die Felle und hörte auf zu atmen. „Komm schon!“ Er zerrte. Mit ihrer Zunge fing sie die Träne auf. Sie schmeckte nicht.

XIII.
„Sie ist die Reine, die Ihr anbefohlen.“ „Dieser Schein ist zu wahren. Ohne Aber.“ „In Eurem Hause, Herr, soll sie das Feuer hüten. Und in seiner Klarheit behalten. Daraus lesen, für jeden, was Euch die Güte bringt.“ „So sicher bleibt mir aller Rang.“

XIV.
„Ich bin keine Vestalin.“ „Ich weiß.“ Die Flamme neigte sich. „Lange noch werden sie nicht umhin kommen, unserer zu gedenken. Dort oben werden sie sich beugen in aufrichtigem Senken.“ „Und grün sollen sie sein.“ „Und grün werden sie sein.“ „Ich habe Angst.“ Der Knorrige legte sich. „Und er wird dereinst durchfahren müssen und die Erinnerung wird ihn plagen.“ Sie begann ein Lied. Bis es leiser wurde.

XV.
Durch den Hohlweg hinter das Haus trieb der Grieche das Gefährt. Dorthin, wo sanfte Hügel sich in Richtung der sieben Hügel breiteten. Im Winkel seines klaren linken Auges strich er durch den blonden Zopf. „Lange sind wir nicht mehr hier gewesen.“ „Wie wahr, Herr.“ „Siehst du“, flüsterte es tot durch die jungen Zypressen.

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