„Natürlich schöne Wege“

Die Journalistin und Autorin Christina Rademacher machte sich auf den Weg. Abseits vom Alltag ruhen versteckte Schönheiten, historische Kraftplätze und bezaubernde Ruhepole. Sie schrieb es nieder. Vom Entdecken in Wien und Niederösterreich. Im KulturToDate-Interview erzählt sie von den Besonderheiten des Pilgerns, der Magie versteckter Plätze und erlebter Demut in der Natur.

Was  bedeutet für Sie „Pilgern“ und was hat Sie zu diesem Thema gebracht?
Christina Rademacher: „Mir geht es darum, beim Wandern zur Ruhe zu kommen und mich auf Wesentliches zu besinnen. Mir gefällt am Wandern, dass man damit auf so einfache Art vom hektischen Alltag entfliehen kann: Alles, was man braucht, sind bequeme Schuhe, ein Rucksack mit etwas Verpflegung und natürlich schöne Wege. Wo man solche Wege in Niederösterreich finden kann, wenn einen spontan das Bedürfnis nach einer entspannenden und zugleich spannenden Auszeit vom Alltag überfällt, beschreibe ich in meinem Buch.“

Warum fällt scheinbar dieser Tage ein Loslassen, Abschalten und Einkehren – trotz großer Sehnsucht danach – so schwer? 
Christina Rademacher: „Vielleicht, weil immer etwas anderes dringender erscheint. In unserer recht lauten Event-Kultur, die von professionell betriebenen Marketingmaschinen gesteuert wird, können wir unser Verlangen nach Stille lange überhören. Oft scheint es wichtiger zu sein, das nächste Event zu besuchen, um mitreden zu können, als in aller Ruhe durch einen Wald zu wandern, zumal dieses innere Erlebnis in sozialen Netzwerken wenig berichtenswert erscheint.“

Was gibt es in den Hinterhöfen Wiens zu entdecken? Was haben Sie gefunden und was hat Sie daran bereichert? 
Christina Rademacher: „Auch in den versteckten Hinterhöfens Wiens gibt es Stille zu entdecken und außerdem noch viel Geschichte. Zum Beispiel die so genannten Pawlatschen: Diese meist hölzern umlaufenden Laubengänge wurden ja Ende des 19. Jahrhunderts nach dem verheerenden Brand des Ringtheaters verboten und daher etwas ganz Besonderes. Zu finden sind sie zum Beispiel zwischen Blutgasse, Domgasse und Grünangergasse, wo gleich mehrere Innenhöfe eine sehr hübsche Durchgangsmöglichkeit ergeben und einen gleich neben der lauten Gegenwart ziemlich weit in die Vergangenheit der Stadt zurückversetzen.“

IMG_4999.JPG
Innenhof in Wien | Bild (c) Klaus Oberrauner

Welche Schätze haben Sie in den Klöstern gefunden? Was macht für Sie die Faszination der „Einkehr“ aus?
Christina Rademacher: „Oft ist das Kloster selbst der größte Schatz, weil es so tief wie kaum ein anderer von Menschen geschaffener Ort in der Vergangenheit wurzelt und alle Veränderungen überdauert – und sei es nur als Gebäude. Gerade abgelegene ehemalige Klöster wie das Kloster Pernegg im Waldviertel oder die Kartause Aggsbach in der Wachau ermöglichen eine Reise zurück in die Geschichte. Wunderbar zur Ruhe kommt man auch im Schöpfungsgarten neben der Kirche von Stift Altenburg: Wer zur Mittagszeit dort sitzt, hört aus den offenen Fenstern des angrenzenden Klostertrakts das Klappern der Teller und des Bestecks und nimmt auf diese Weise akustisch teil am Klosterleben, während die Sitznischen in der halbrunden Steinmauer zugleich einen privaten Rahmen schaffen. Auf dem meditativen Klangteppich, den der Brunnen mit seinem gleichförmig plätschernden Wasserstrahl auslegt, möchte man sich am liebsten ewig ausruhen!“

Stift Altenburg Copyright Christina Rademacher.JPG
Stift Altenburg | Bild: (c) Christina Rademacher

Wohin war Ihre letzte Pilgerreise?  Wie würden Sie Ihre schönste Pilgererfahrung beschreiben?
Christina Rademacher: „Eine Pilgerreise im religiösen Sinn habe ich noch nie unternommen, aber zuletzt war ich mehrere Tage im Karwendel unterwegs, dessen lange, menschenleere Täler einem das Gefühl vermitteln, ganz weit weg von jeder Zivilisation zu sein. Zwischen den schroffen Gipfeln fühlt sich der Mensch mit seinen Problemen auf einmal klein und unwichtig. Diese Erfahrung von Demut inmitten einer mächtigen Natur empfinde ich in einer Zeit, in der Selbstfindung und Egoismus recht groß geschrieben werden, als sehr wohltuend.“

Die Bücher von Christina Rademacher: Pilger für einen Tag. Wanderungen zu Niederösterreichs Klöstern (2017) und Vom Hinterhof in den Himmel. 15 Spaziergänge durch das unbekannte Wien (2017) sind jeweils im styria verlag erschienen.
Beitragsbild: Blick auf Klosterneuburg (c) Christina Rademacher

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s