„Kabarett muss scharf sein“

„Im freien Fall“ heißt die neue Revue im Wiener Kabarett Simpl. Ein gartenfrischer, gemischter Salat aus witzigen, skurrilen und brisanten Zutaten. Die Revue hat Tradition. Der Regisseur ist neu. Das Simpl sein zu Hause. Bei KulturToDate reflektiert der ideenreiche Schauspieler und erfahrene Regisseur Thomas Smolej u.a. über die Simpl-Revue, seine neue Tätigkeit und die Würze des Kabaretts.

Über den Unterschied ziwschen „Kabarett“ und „Comedy“.
Thomas Smolej: „Der Begriff Kabarett ist sicherlich die ältere Ausdrucksweise. Ich glaube, in der heutigen Zeit vermischt sich das auch immer wieder gerne. Wobei ich schon finde, dass das klassische Kabarett politischere Inhalte hat. Comedy hingegen kann sich über alles lustig machen. Kabarett per se hat einen intellektuelleren Anspruch. Wobei es auch Comedy auf sehr hohem Niveau und mit politischem Anspruch gibt. Kabarett ist prinzipiell vielleicht auch eher kleiner gehalten. Comedy ist mittlerweile ein sehr kommerzieller Begriff geworden. Sowohl beim Kabarett als auch bei der Comedy wird alles und jeder lustig, sarkastisch verarscht. Außerdem habe ich einmal wo gelesen: Kabarettisten machen es des Geldes wegen und Comedians wegen dem Geld.“

Über „Humor“. 
Thomas Smolej: „Humor ist für mich, Alltägliches und manchmal auch Unangenehmes heiter oder lockerer zu betrachten, weil sonst wird man vielleicht nur griesgrämig oder sieht das Ganze zu ernst. Es gibt genug Dinge im Leben, die ernst sind und auch ernst sein sollen. Aber ich finde, man hat auch das Recht, Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Das erleichtert einem Vieles. In allen möglichen Belangen.“ 

Über den Spaß bei der Arbeit. 
Thomas Smolej: „Beim Regieführen ist es für mich etwas ganz anderes, als beim Selber-auf-der-Bühne-Stehen. Nehmen wir ein Stück wie ein Musical oder die Simpl-Revue: Was auf dem Papier steht, das ist für mich etwas Lebloses. Wenn man es dann auf die Bühne bringt, beginnt das ganze zu leben oder soll im besten Falle zu leben beginnen. Und das ist das, was mir an meiner Arbeit Spaß macht: Die Kreativität, aus etwas Leblosem oder fast Leblosem etwas Lebendiges zu machen. Ich setze das mit einem Team um, wo jeder seiner Meinung mitbringt, die nicht immer unbedingt mit meiner einher gehen muss – auch wenn unterm Strich der Regisseur die Linie vorgibt. Das Schönste ist dann, wenn die Leute, die ins Theater gehen, berührt sind. Auch von Lustigem. Ich mache die Dinge so, wie sie mir als Zuschauer gefallen würden: Ich muss weinen können, lachen können, aber es soll etwas mit mir machen. Und das ist das Schönste an meiner Arbeit, wenn das im Endeffekt auch funktioniert.“

Über die Herausforderungen beim Tun.
Thomas Smolej: „Es funktioniert nicht immer auf Anhieb. Das ist schon auch eine Schwierigkeit. Ein kreativer Entwicklungsprozess ist nicht immer ganz klar und einfach. Es gibt Stücke oder, um es auf die Simpl-Revue zu beziehen, Sketche, die ganz klar sind, so wie sie geschrieben sind. Andere sind anspruchsvoller. Das erfordert meinen kreativen Input. Meine persönliche Note als Regisseur.“ 

Über die Simpl-Revue „Im freien Fall“.
Thomas Smolej: „Das Publikum kann auf jeden Fall, wie jedes Jahr, eine bunte, breitgefächerte, teilweise musikalische Sketch-Revue erwarten. Alle Sparten des Lebens werden verarscht. Die Simpl-Revue besteht ja immer, schon seit der Gründung, aus drei Wörtern. Heuer ist es: Im freien Fall. Es gibt immer einer Conférence. Diesmal wird sie auf zwei-, dreimal aufgeteilt werden. Das ist eine Neuerung: Dass da nicht jemand eine Viertelstunde am Anfang steht, sondern dass wir das ein bisschen auflockern. Der Titel der Show wird hauptsächlich in den Conférencen eingebettet und er lässt, wie immer, viel Spielraum. Die Simpl-Revue, die ja jedes Jahr eine Uraufführung ist, wird sehr zeitnah zum Probenbeginn von den Autoren geschrieben, um über die ganze Spielzeit so aktuell wie möglich zu bleiben. So kann auf politische Ereignisse rasch eingegangen werden. Die Simpl-Revue wird von September bis Juni 270mal gegeben.“

Über das Besondere am österreichischen Kabarett.
Thomas Smolej: „Das Besondere am österreichischen Kabarett ist: Es ist österreichisch. Oder zumindest, finde ich, sehr wienerisch. Weil Wiener prinzipiell so Suderanten sind, so Jammerer. Ich habe mich dem übrigens schon sehr angepasst. Aber wenn man das alles sehr ernst nimmt, wenn man sich über Dinge aufregt, das belastet. Ich glaube, es ist kein ernsthaftes physisches oder psychisches Aufregen. Zum Beispiel: Wenn ich im Wiener Kaffeehaus sitze, so Sketches hatten wir ja schon im Simpl, umgeben von diesen teilweise unfreundlichen oder unsympathischen Kellnern oder diesen Old-Fashioned-Obern, muss ich immer lachen. Ich finde das gar nicht so schlimm, weil ich mir denke: die spielen was. Das ist so eine Tradition in Wien. Für mich eher lustig.“ 

Über den Beruf und nächste künstlerische Ziele. 
Thomas Smolej: „Ganz klar: weiterhin von diesem Beruf leben zu können, ohne dass ich etwas anderes machen muss. Es ist ja immer so: Menschen, die mit dem Schauspiel- oder Regie-Beruf nichts zu tun haben sagen ja immer: Achso, du bist Schauspieler, aber ich kenn dich ja gar nicht. Also, wenn man kein Fernsehstar ist oder nicht in Hollywood Regie macht, fragen sich die Menschen: Was machst du eigentlich hauptberuflich? Weil, ich kenn dich nicht. Im Gegenzug sag ich ja beispielsweise auch nicht: Ah, du bist Lehrer, aber du unterrichtest ja gar nicht am Sacre Coeur in Wien. Das ist ein ganz nobles, privates Gymnasium in Wien. Oder: Ah, du bist Kellner aber du arbeitest ja nicht in der American Bar in London oder in irgend einem angesagten Club in Los Angeles. Natürlich möchte ich gerne weitergehen. Was ich auf jeden Fall gerne möchte wäre: Drehen. Einfach, weil ich da noch ganz unbekümmert bin: Ich habe ein bisschen etwas gedreht, als ich jünger war, aber jetzt eigentlich schon lange nichts mehr. Da möchte ich auf jeden Fall noch mehr machen. Ich möchte auch, dass es in der Regie weitergeht – sei es jetzt Musical, Schauspiel, Comedy oder Kabarett.“ 

Wenn man an Kultur spart, dann…
Thomas Smolej: „Wenn man an Kultur spart, dann spart man an der Unterhaltung, an dem Sich-Berieseln-lassen, an dem sich-vom Alltag-ablenken-Lassen. Man spart an Impulsen: Egal ob man in eine Tanzshow, in ein Musical, in ein Popkonzert, in ein Rockkonzert, in ein Theaterstück, in ein Comedy-Kabarett-Stück geht, das macht was mit einem. Es schickt ins Unterbewusstsein: Eigentlich geht’s mir doch gut – oder: ja, ich erleb das auch; es gibt mehrere, denen es nicht so gut geht. Der Impuls sollte sein: Wie kann ich etwas machen, wie kann man Situationen verbessern? Das sind die Impulse, die man durch kulturelle Veranstaltungen bekommt und bekommen darf. Man sollte auch abschalten dürfen – so wie jemand, der ins Fitnessstudio geht oder sich ein Tennismatch oder Fußballmatch anschaut. Man kann mitfiebern, man kann dabei sein. Man kann sich ein bisschen ablenken, man kann lernen, man kann sich weiterentwickeln. Und wenn man an Kultur spart, spart man genau daran – an diesen Dingen, die ein Mensch im Leben braucht.“

Über die Schwierigkeiten in der freien Szene, auch in Kärnten. 
Thomas Smolej: „Das Stadttheater Klagenfurt ist ja ein renommiertes Haus, das jährlich seine Subventionen bekommt. Zurecht. Bürokratisch ist es immer und überall. Bei großen Betrieben, bei Anträgen, bei Förderungen, bei Subventionen: Das ist immer ein bürokratischer Job, der viel Arbeit verlangt und anstrengend ist. In Kärnten, glaube ich, ist es in der freien Szene schwierig etwas zu machen, weil das Sommertheater dort nicht so große Tradition wie im Burgenland – oder vor allem in Niederösterreich hat, wo an jeder Ecke ein Sommertheater gespielt wird. Schon seit Jahren, Jahrzehnten. Ein erstes, zweites oder drittes Jahr ist überall schwierig. Ein neues Theater zu etablieren, das dauert seine Zeit. Und wenn man aus öffentlicher Hand oder öffentlicher Sicht keine Unterstützung zugesagt bekommt, ist es schwierig, etwas aufzubauen oder zu etablieren. Der Grund liegt, glaube ich, zum Einen daran, dass es in Kärnten, wie gesagt, keine Tradition gibt, obwohl es in den letzten Jahren Gott sei Dank mehr geworden ist. Für Kärntner ist es auch nicht so einfach oder nicht so üblich – it’s not so common – ins Theater zu gehen. Ich bezeichne die Kärntner global als eher theaterfaules Volk verglichen zu einer Großstadt. Deswegen ist es da wahrscheinlich auch schwierig, Leute ins Theater zu bekommen. Aber die Schwierigkeit der Subvention, glaube ich, liegt – abgesehen von Der Prophet zählt nix im eigenen Land – darin, dass vielleicht eine mögliche Kulturabteilung zu wenig Interesse hat, da etwas aufzubauen, zu wenig daran glaubt und dass Fördergelder aus fadenscheinigen Gründen nicht oder weniger bezahlt werden. Nicht sehr professionell.“ 

Über die Simpl-Familie. 
Thomas Smolej: „Ich fühle mich im Simpl deswegen so zu Hause, weil ich vor 12 Jahren dort als Darsteller begonnen habe -5 Revuen, 6 gespielt habe, weil mindestens die Hälfte des Ensembles Bekannte oder inzwischen gute Freunde sind, weil die Atmosphäre dort sehr familiär und intim ist. Von daher ist das Simpl mein zweites zu Hause und mein Familienersatz.“

Über die Politik-Szenerie. 
Thomas Smolej: „Auf der Straße hört man immer: Ja, die Politik ist ja so ein Theater. Ja, es stimmt: Sie bietet einfach viele Angriffsflächen. Toll finde ich im politischen Kabarett oder bei politischen Sketchen immer, wenn Kollegen Persönlichkeiten aber auch Politiker gut nachmachen können. Das ist unterhaltsam und auch witzig. Das hat meine Hochachtung.“

Über die Würze des Kabaretts.
Thomas Smolej: „Kabarett soll, darf und muss bissig sein. Ich persönlich finde Schmähs so ganz unter der Gürtellinie nicht so angenehm, aber ich bezeichne mich ja als Drecksau: Mir ist eigentlich nichts zu schlimm. Mir ist eigentlich keine Wuchtel, wie wir das hier im Fachchargon nennen, keine Pointe zu arg. Außer sie ist extremst rassistisch oder sexistisch. Aber im Prinzip muss Kabarett scharf sein.“

Über guten Humor.
Thomas Smolej: „Guter Humor zeichnet sich für mich dadurch aus, auch über schwierige Lebenslagen, über gewisse Situationen, über Umwelt, Politik, Society, Gesellschaft, zwischenmenschliche Beziehung, Erlebtes, mühsamen Alltag – lachen zu können. Auch unschöne Dinge im Leben heiter sehen zu können. Das heißt nicht, dass man sich nicht damit auseinandersetzen soll. Aber darüber lachen zu können: Das zeichnet für mich guten Humor aus.“

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