„Die eigene Angst in den Griff zu bekommen“

Mit „Turmschatten“ legt Peter Grandl, Medienprofi und Chefredakteur der Musiker-Plattform Amazona.de, einen brisanten Debütroman vor. In einer deutschen Kleinstadt soll eine neue Synagoge gebaut werden. Das stachelt drei Neonazis an, den Hauptfinanzier der jüdischen Gemeinde einzuschüchtern. Kurzerhand finden sie sich selbst in der Gewalt dieses Mannes,  eingekerkert im Keller seines Hauses. Einem mittelalterlichen Turm, der sich als uneinnehmbarer Hochbunker aus dem Zweiten Weltkrieg entpuppt. Dies wird zum Medienereignis, als die Bevölkerung via Online-Voting dazu aufgerufen wird, über das Schicksal der Neonazis zu entscheiden. Und auch das Live-Fernsehen wittert einen Quotenhit. Jenseits von Gut und Böse.
Im KULTURTODATE-Interview, erzählt Grandl über die Hintergründe und die besonderen Herausforderungen dieses spannungsgeladenen Stoffs.

 

 

Was war das unumgängliche Muss, diesen Erstling zu wagen?

Grandl: „Auslöser war die Tatsache, dass Kulturprojekte zu Antisemitismus, Holocaust oder Rechtsradikalismus, fast immer nur Menschen erreichen, die weder Antisemiten noch Rechtsradikale sind – ja noch nicht mal zum Kreis derer gehören, aus der die rechte Szene ihren Nachwuchs akquiriert. Auf der anderen Seite wird die öffentliche Wahrnehmung des Dritten Reichs durch Satire – mag sie noch so gut sein – verwässert und irgendwie auch salonfähig gemacht. Turmschatten ist mein persönlicher Versuch, in einen vermeintlichen Thriller, Botschaften zu verpacken, die eine größere Zielgruppe erreichen. Bei der fünfjährigen Recherche und Ausarbeitung des Stoffs kamen schließlich andere Themen hinzu. Zum Beispiel: Meinungsbildung durch Fake-News in Social-Media-Netzwerken oder Menschenrechte.“

 

Die Aufarbeitung der Beziehung zwischen Juden und nationalsozialistischen Strömungen ist voller Brisanz und hat gerne Sand im Getriebe. Wie geht man in Deutschland damit um? Wie stellt es sich aus Ihrer persönlichen Sicht dar?

Grandl: „Hitler war immer stolz darauf gewesen, die Demokratie mit ihren eigenen Waffen geschlagen zu haben. Das kann auch Deutschland blühen, wenn Bewegungen wie der AFD zu viele Freiheiten zugestanden werden. Turmschatten spielt bewusst 2010 und zeigt dabei den Aufstieg und Fall der NPD, die nach 2010 zur Bedeutungslosigkeit verkam. Aber auch hier tat sich die Demokratie bereits schwer, den Machenschaften dieser Partei Einhalt zu gebieten. Der rechte Flügel der AFD profitiert nun von all diesen Erfahrungswerten. Darin steckt eine große Gefahr .“

 

Sind derartige Radikalisierungen nicht auch Resultat von Orientierungslosigkeit und Unsicherheit? 

Grandl: „Bei Unsicherheit würde ich zustimmen. Verunsicherte Menschen mit starken Parolen einzufangen, war schon immer ein probates Mittel, die eigenen Reihen zu füllen. Orientierungslosigkeit in Bezug auf nationale Verbundenheit in Zeiten der EU ist sicher für viele Menschen ein Problem. Meine Großeltern waren noch überzeugte Nationalsozialisten. Wie viele Generationen braucht es, um sich von nationaler Befangenheit loszusagen?“

 

Dem Projekt geht eine umfassende Recherche einher. Inwieweit haben diese Erkenntnisse Ihre Perspektiven und ihre Wechsel geprägt, bestärkt oder erneuert? Was haben Sie persönlich überraschend oder am erschütterndsten befunden?

Grandl: „Meine Recherche begann lange bevor die NSU zum Schlagwort für konkrete rechtsradikale Bedrohung wurde. Als ich 2010 erstmals an einem Exposé für den Stoff arbeitete – damals war das Projekt von mir noch als Drehbuch geplant – hatte ich zunächst den Eindruck, dass die Öffentlichkeit die Neonazis kaum mehr wahrnehmen würde. Und schon gar nicht als Bedrohung. Doch schließlich sammelten sich in meiner Stoffsammlung unzählige von Verbrechen, die rechtsradikalen Ursprungs waren.  Wir reden da nicht nur  von den erschreckenden Ereignissen wie dem Anschlag auf das Oktoberfest 1980, sondern von vielen schockierenden Delikten bis in die Gegenwart. So auch von einer öffentlichen Verbrennung von Anne Franks Tagebuch bei einer Sommernachtsfeier unter Beisein der Gemeinde und des Bürgermeisters. Schleichender, geradezu eklig, war schließlich die Recherche in sozialen Medien, bei denen junge Männer und Frauen, ohne Skrupel Hitler zitierten oder auf die >Vergasung der Juden< hinwiesen mit der ernst gemeinten Befürwortung, >dass Hitler das heute ganz sicher mit den Flüchtlingen auch wieder machen würde.< Dabei stellte ich mir dann auch die Frage, warum solche Kommentare z.B. auf Facebook nicht sofort gelöscht wurden? Oder wieseo sich darunter ein Dutzend Likes mit Daumen nach oben sammelten? An diesem Punkt war klar, dass ich bei Turmschatten auch die Sozialen Medien berücksichtigen musste. Und so entstand die Idee mit dem Voting.“

 

Warum ist es gerade jetzt Zeit für dieses Buch?

Grandl: „Der Veröffentlichungstermin war nicht bewusst gewählt. Bei meiner Arbeit an dem Stoff in den letzten Jahren, nahmen erschreckender Weise die Gewalttaten der rechten Szene enorm zu. Und immer hatte ich das Gefühl, jetzt müsste der Roman fertig sein. Als Anders Breivik 2011 77 Menschen auf der Insel Utoya ermordete, wollte ich das Buch schon ad acta legen. Es erschien mir sinnlos, das Buch fertig zu schreiben, da mit diesem furchtbaren Paukenschlag die Welt nun aufgerüttelt worden sei und kein Buch mehr nötig wäre. Zwei Jahre später wurde die AFD gegründet und die politische Situation wurde noch schlimmer.“

 

Als Medienprofi: Was ist denn die angesprochene und mitthematisierte Macht der Medien? 

Grandl: „Die Römer nannten es Brot und Spiele. Die Unterhaltung der Massen mit immer noch perverseren TV-Shows. Nichts ist scheinbar unmöglich, wenn es nur die Quoten bedient. Nur das Gesetz zieht hier eine hauchdünne Linie, um die totale Entgleisung in Sex und Gewalt zu verhindern. Was aber, wenn es keine Gesetze gäbe, die das regeln würden? Wenn kein Medienrat die Ideen der Macher und die Gier der Zuschauer zügeln würde? Dieser These bin ich nachgegangen und für mich zu dem Ergebnis gekommen, dass Millionen von Menschen einem Spektakel gebannt folgen würden, in dem der Zuschauer bestimmt, ob ein Verbrecher leben oder sterben soll. Die Macht der Medien liegt nun darin, die Meinung der Zuschauer zu manipulieren – wie das heute in TV-Shows konsequent und hochprofessionell praktiziert wird. Welcher Kandidat rausfliegt und welcher bleiben darf, liegt nur scheinbar in der Hand der Konsumenten solcher Shows.“

 

Was war das persönlich Forderndste im Rahmen dieses Projektes? Und wie ging es Ihnen nach dem letzten Punkt? 

Grandl: „Die eigene Angst in den Griff zu bekommen. Bereits vor einigen Jahren war eine sehr namhafte Filmproduktion involviert. Einer der bekanntesten Filmproduzenten des Landes rief mich an und lobte den Stoff. Eine Woche später hatte sein Kompagnon und berühmter Hauptdarsteller in einer TV-Show seiner Wut über Neonazos freien Lauf lassen. Einen Tag darauf hatten Unbekannte sein Auto angezündet. Kurz darauf erhielt ich wieder einen Anruf des Produzenten, der mir mitteilte, dass sie das Projek verlassen weden, weil sie Angst hätten um ihre Kinder. Ich bin mir nicht sicher, ob ich möchte, dass Turmschatten erfolgreich wird. Auch wenn ich es natürlich hoffe. Aber so wie sich die Lage im Augenblick in Deutschland darstellt, wo Politiker bedroht und erschossen werden, lebt auch der Autor eines solchen Romans gefährlich.“ 

 

Was erwartet die Leser?

Grandl: „Nach den jetzigen Erkenntnissen zahlreicher Online-Kritiken, ein Thriller, den man anscheindend nicht aus der Hand legen kann. Es gebe zahlreiche Leser, die das sechshundertseitige Buch an zwei Tagen verschlungen haben. Erstaunt hat mich dabei vor allem, dass die enthusiastischsten Kritiken immer von Frauen verfasst wurden. Das mag daran liegen, dass die stärksten Figuren im Buch allesamt Frauen sind.“

 

Und aus aktuellem Anlass: Wird es eine neue „Nach-Corona-Normalität“ geben oder die alte reloaded sozusagen?

Grandl: „Für kurze Zeit wird es den Anschein haben, dass sich alles ändert. Aber zwei Monate später wird alles beim Alten sein. Eine kleine Minderheit wird aber langfristig umdenken – darin liegt ein kleiner Funken Hoffnung.“

 

(Beitragsbild: Peter Grandl | Foto: Verlag „DAS NEUE BERLIN“)

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