„Über die Verwundbarkeit der Demokratie und eine große Liebe“

Mit Der wunde Himmel legt Jeannette Oertel ihren facettenreichen Debüt-Roman vor. Im Tübinger konkursbuch Verlag Claudia Gehrke erschienen. Im KULTURTODATE-Interview erzählt sie über die Hintergründe, die Stärke wie Fragilität von Gefühlen, die Wichtigkeit der Kunst für die Gesellschaft und die Verwundbarkeit der Demokratie.

Ihr Debüt-Roman ist auf der Welt. Das allererste Hinauslassen des Erschriebenen. Wie geht es Ihnen damit? Wie kam es dazu, diese Geschichte zu schreiben?

Oertel: „Ich hatte den Großteil der Geschichte bereits in mir – manches wenige Jahre, anderes seit meine Erinnerung reicht. In meinem Körper. Meine Seele habe ich mir, während ich an diesem Buch arbeitete, allmählich wieder zurückgelebt – zurückgeschrieben. Die Rohfassung des Romans habe ich mit zwei mir sehr nahen Menschen durchlebt. Dies waren meine allerersten Roman-Premieren, und jedes Mal hat mein Herz gerast, während sie darin lasen. Ich freue mich sehr, meinen Debütroman nun mit Lesern zu teilen, und bin aufgeregt, wenn er einem Rezensenten zugeht, oder ich aus ihm lese – bis jetzt wegen der C-Krise via Youtube, Facebook und Instagram.“

„Der wunde Himmel“ – was steckt hinter diesem Titel?

Oertel: „Wenn über einer großen Liebe fast immerzu etwas schwebt, das sie zu vernichten droht. Ob real oder nur gefühlt. Wenn etwas sich über mir zusammenzieht, wenn ich liebe – etwas, das mir diese Liebe wieder nehmen will. Weil es in meiner Kindheit so gewesen ist. Es hat überlebt und versucht, mein Glück zu verhindern oder zu zerstören. Dann verdunkelt es meine Gefühle, wenn ich am glücklichsten sein sollte. Solche Gefühle zaudern nicht, sie beherrschen – haben es. Lange. Mich.“

Es heißt: Krimi und Liebesroman in einem. Was erwartet die Leser?

Oertel: „Ein sehr zeitaktueller Spannungsroman über die Verwundbarkeit der Demokratie und eine große Liebe. Mit Krimi-Elementen. Beim Schreiben bin ich meinen Erinnerungen und Gefühlen gefolgt, ohne mich zu kümmern, auf was für ein Genre es hinausläuft. Daran habe ich gar nicht gedacht. Ich war nur Emotion und versunken in inneren Bildern. Wahrheit und Gefühle lassen sich in kein Genre pressen. Die Leser erwartet ein intensives Wiedersehen mit der Stasi der ehemaligen DDR. Und sie tauchen ein in eine Leidenschaft, die zur Obsession wird. In Verfolgungswahn oder knallharte Realität?“

Sie waren selbst im diplomatischen Umfeld tätig. Was schöpfen Sie aus diesem Erfahrungspool für Ihren Roman?

Oertel: „Ja, das war eine unglaublich spannende Zeit mit großen Schatten und Ohnmacht, Willkür, Tausendundeiner Nacht, Druck und eiskalter Verführung. Wenn man in einem Gefängnis arbeitet und dieses vor lauter Arbeit und immer weniger Freizeit sowie auch Freiheit zur Welt wird, kann Sehnsucht übermächtig werden. Dann suchst du dir womöglich einen Menschen, der dein Verhängnis wird, und gleichzeitig deine große Liebe.“

Auch die politischen Unruhen und aufgeheizten Stimmungen spielen mit hinein. Wie erleben Sie diese Tendenzen? (Die, scheint’s auch, eine Renaissance in unfassbar schleichendem und digitalem Ausmaß annimmt: die Überwachung).

Oertel: „Manchmal erscheinen mir die potenziellen Möglichkeiten dafür als so heftig, dass ich sie verdränge. Was nie wirklich funktioniert, da ich mich sehr für Politik interessiere und kaum Nachrichten auslasse. Ich bin in einem Überwachungsstaat großgeworden. Einer Diktatur. Ob in meiner Schulklasse, unter unseren Nachbarn oder in meinem Freundeskreis: Irgendeiner war dein Spitzel! Das war so sicher, wie dass morgens die Sonne aufgeht. Dennoch war mein Verhältnis zu meinen Freunden ein offenes, hochemotionales und zumeist warmes. Eine brisante Gratwanderung. Ein Vabanquespiel. Ein wenig Schizophrenie? Die eine Geschichte hat: Als Teenager war meine beste Freundin als Stasi-Spitzel auf mich angesetzt, auch um an meine Eltern heranzukommen. Ich hatte das imemr wieder gewittert, meine Intuition jedoch als paranoid abgetan. Was für ein Irrtum!“

Sie erdachten auch die fiktive arabische Republik „Elydien“. Was ist das für ein Land?

Oertel: „Es ist ein arabisches Land kurz vorm Bürgerkrieg. Hier seien den Lesern ihre Fantasien geöffnet. Aber es gibt politische Fakten und Fährten.“

Sie kommen auch von der Musik her. Schon sehr früh waren Sie als Sängerin aktiv. Wie kam es dazu? Was bedeutet Ihnen Musik und welchen Stellenwert hat sie in Ihnen heute?

Oertel: „Musik hat in meiner Kindheit eine große Leere um mich gefüllt. Mit 15 begann ich dann, klassischen Gesangsunterricht zu nehmen, was ich später auch studierte. Der wunde Himmel steckt voller Musik. Agnes Obel. Zarah Leander. Dem Cold Song. Selbst an den seltsamsten Orten spielt Musik, weil mein eigenes Leben, vor allem in seinen dunkelsten Phasen, stets von Musik begleitet war. Ob Oper oder Tango Argentino, den ich jahrelang gelebt habe, oder Alternative, die mich oft atmosphärisch verzaubert. Musik lockt das Äußerste aus meinem Seelenkeller und reichlich davon habe ich in Der wunde Himmel hineinfließen lassen.“

Wie geht es Ihnen mit Stimmen, die danach rufen, Kunst- und Kulturschaffenden den Gürtel noch enger zu schnallen?

Oertel: „Wenn Menschen nicht mehr oder viel zu wenig von Künsten aller Art beseelt werden, wird es dunkel oder – noch schlimmer – grau in den Seelen. Dann könnten Menschen stumpf werden und gefügig oder gefährlich. Was passiert mit unserer Fantasie? Was rührt uns an? Nur noch Dinge, die online geschehen und strahlen? Kultur sollte selbstverständlich und bezahlbar sein, Menschen aller Couler zugänglich und zensurfrei. Kunst darf alles dürfen. Freie Kunst verdient alle Unterstützung und Mut. Gesichter. Gespart werden darf an ihr nie.“

Sie leben nun am Bodensee. Ein Inspirationsort? Was faszineirt Sie an der Gegend?

Oertel: „Meine Seele ist hier wiedererwacht. Auferstanden. Ich habe mich hier gefunden und verspüre, hier, zum ersten Mal wahrhaftige Liebe. Von Mal zu Mal, das ich im Zuge dessen hier verbrachte, verliebte ich mich tiefer in das schönste Drei-Länder-Eck, das es für mich gibt. Und ich weinte, als ich wieder nach Berlin zurückfuhr, so sehr ich Berlin liebte und liebe. In den Süden zu ziehen, war meine reinste Bauchentscheidung. Es war Zeit für einen großen Wandel in meinem Leben. Einen tiefgreifenden.“

Der Roman spielt in Berlin. Einem so kontroversen Lebensraum, der wohl in den Köpfen mancher den Pool aus Verschmelzungen un Divergenzen ausmacht. Sie lebten in Berlin. Sie kennen die DDR. Wie würden sie das gegenwärtige Gesicht dieser Metropole beschreiben?

Oertel: „Ich bin eine Berlin-Infizierte. Schon als meine Eltern und ich – da war ich drei – nach einem Ostsee-Urlaub in Berlin Halt machten, war ich hin und weg. Mein liebes Berlin, habe ich von da an geschwärmt. Als dann – da war ich elf – mein Vater beruflich nach Berlin versetzt wurde, habe ich gejubelt! Ein Jahr später zogen wir in die Hauptstadt der DDR. Dort, in Berlin, schien mir alles so vertraut, als würde ich es schon viel länger kennen als ich lebte. Bereits in der DDR war Berlin die bunteste Stadt. Der Wohnsitz vieler Künstler. Und bleibt nicht für immer die Stadt eine ganz besondere, in der du dich zum ersten Mal so richtig verliebt hast? Auch in einen Menschen. Apropos: Berlin ist eine wunderbare Geliebte. Sie gibt sich hin, nicht nur für großes Geld. Sie kann gediegen, aber auch verrucht, launig, flippig. Berlin flirrt. Kaum betrete ich Berliner Boden, kann ich mich nicht sattsehen, nicht satterleben. Dann vergeht kaum ein Abend, an dem ich nicht in eines der vielen Theater dort gehe, mit ihren ungeheuer zeitaktuellen Stücken. Brandtaktuell – ja, es brennt dort. Mutigste Theatermacher werfen provozierende Fragen auf. Öffnen Augen. Sinne. Ich berausche mich daran und schließe nicht aus, eines Tages in meine Heimat zurückzuziehen. Ich habe meinen Wohnsitz schon einige Male gewechselt – Berlin, Weimar, London, Brüssel, München, Bodensee. Für mich ist Berlin die Stadt, in der ein Mensch am meisten er selbst sein darf. Als hätte die Stadt die Freiheit erfunden. Und: In Berlin findest du überall die Roaring Twenties. Und: Die Stadt ist ein großer Wald mit vielen Seen, die zum Träumen einladen.“

Was kann oder müsste, Ihrer Meinung nach, die Diplomatie dieser Tage leisten? In Zeiten, da der Dialog vor egozentrischen Machtspielen zu versiegen droht?

Oertel: „Das Hauptanliegen aller Diplomatie sollte die Erreichung des Weltfriedens sein. Wahrer Demokratien, überall. Wer profitiert vom Gegenteil? Edelmut und Transparenz wären essenziell. Menschlichkeit, die Kriege ausschließt, die Flüchtlinge hervorrufen, die dann kaum einer aufnehmen will. Und die Länder, die sie aufnehmen, zerreißt es politisch fast. Die allermeisten Menschen wollen doch friedlich leben. Nur fürchte ich, dass Diplomatie noch nicht stark genug ist. Es gibt Kräfte, die selbst sie mit allen Mitteln aushöhlen, übetrumpfen, abknallen oder Schlimmeres. Siehe den Mord an Kashoggi – in einem Konsulat! Wie hat die Diplomatie darauf reagiert? Meine Hoffnung ist groß. Mein Realitätssinn auch. Es braucht noch Zeit für ein erhöhtes Bewusstsein. Dazu darf jeder von uns zunächst für sich selbst beitragen. Wenn die meisten Menschen mit sich selbst im Frieden sind, werden wir mehr Frieden auf der Welt haben und eines Tages ganz.“

Worum geht es in Ihrem Roman?

Oertel: „Um eine Amour fou zwischen der Assistentin des Botschafters der fiktiven Arabischen Republik Elydien und einem Diplomaten. Die Handlung spielt in naher Zukunft in Berlin, in Zeiten aufgeheizter Aufruhrstimmung. Die Leidenschaft der beiden wird zur Obsession. Zugleich passieren immer mehr mysteriöse Dinge in der Botschaft, die die Protagonistin bis in ihre verdrängte Kindheit in der DDR zurückführen. Die Liebe der beiden Protagonisten schwankt zwischen totaler Hingabe und Verrat in einer zerfallenden politischen Umgebung, in die verschiedene Geheimdienste und die Hand der ehemaligen Staatssicherheit der DDR immer stärker mit hineinspielen.“

Mit welchen 3 Adjektiven würden Sie Ihren Roman charakterisieren?

Oertel: „Ergreifend. Explosiv. Erotisch.“

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