„Worte sind wie ein Prisma“

Mit dem Gedichtband „Jedes Wort ein Fenster / Verwandlungen“ | „Cada palabra una ventana / Transformaciones“ kreiert der spanische Autor Francisco Cienfuegos – erschienen beim Verlag Klingenberg -facettenreiche und sprachliche Verwandlungen auf mehreren Ebenen. In einem wunderbaren sprachphilosophischen Exkurs reflektiert der Autor auf KULTURTODATE sein neues Buch, das fordernde Wesen der Lyrik und die vielschichtige Kraft der Worte.

„Jedes Wort ein Fenster“ ist ein guter Gedanke.

Cienfuegos: „Worte sind wie ein Prisma, in dem sich Erfahrung von Welt verdichtet. Und wenn wir sie aussprechen – die Welt, oder das Wort und die Welt darin – kommt ein Spektrum unterschiedlicher Merkmale zum Vorschein, die sich sozusagen im Wort brechen. Die zwei wichtigsten Merkmale sind für mich zunächst zum einen das Wort als reiner Schallkörper – durch die Stimmbänder erzeugter Klang. Zum anderen die innere Bedeutung, die wir einem Wort beimessen. Durch Worte machen wir uns die Welt begreiflich. Aber was ebenso wichtig ist: wir machen uns anderen begreiflich. Es stellt, so gesehen, die Verbindung zwischen Innen und Außen dar. Es verbindet, macht sichtbar, ermöglicht Einblicke und Ausblicke. Dahinter steckt der Gedanke, dass Sprache ein hochästhetisches und hochdifferenziertes Kommunikationsmittel darstellt, in dem auch paraverbale Anteile unserer Persönlichkeit mitschwingen. Gleichwohl ist Sprache aber auch identitätsstiftend, da das verwendete Vokabular, um mit der Außenwelt in Kontakt zu treten, das innere Vokabular und somit das Selbstverständnis über die eigene Person mitkonstruiert. Jedes Wort an sich ist ein Realitätskonstrukt. Gleichzeitig ist es auch der Versuch, sich mitzuteilen. Und in jedem Wort sind Bedeutungen enthalten von dem, was wir sind, was wir sein wollen und von dem, was uns umgibt – in materieller und geistiger Hinsicht. Erst wenn wir einer Sache, einer Situation, einem Gefühl einen Namen geben, wird es Teil unserer Wahrnehmungswirklichkeit. Die Metapher des Fensters impliziert, dass das Wort Betrachtungsweisen eröffnet. Es kann sich um die Innenbetrachtung handeln: Worte und mit ihnen entsprechend verknüpfte Assoziationen eröffnen den Raum für ein bewussteres Sich-Selbst-Spüren. Es kann sich aber auch um die Außenbetrachtung handeln. Im Prinzip geht es um die dialektische Verschränkung von Selbst- und Fremdwahrnehmung. Wir erkennen, im wahrsten Sinne, Welt durch Fenster, die gleichermaßen einen Einblick sowie den Ausblick ermöglichen.“

Inwieweit sind Gedichte in der Lage, Menschen zu verwandeln?

Cienfuegos: „Die poetische Sprache beschreibt nicht, was wir als Realität wahrnehmen, sondern weist auf Grenzen hin. Auf Grenzen des unmittelbar Hörbaren, des unmittelbar Erfassbaren. Dort, wo das Wort aufhört, erschöpft es sich nicht, sondern die Deutung hinter der Bedeutung beginnt spürbar zu werden. Es ist an sich ein Paradoxon: über Sprache das Sprachlose erkennen, andeuten. Das Gedicht kann diesen Zugang eröffnen: den Zugang zu den tieferen Schichten des Bewusstseins. Es kann Verschüttetes, Verdrängtes neu aufspüren. Der Mensch, der sich in einem Gedicht vertieft, das Wagnis unternimmt, sich zwischen den Versen zu verlieren, kann sich neu finden, erlebt sich anders, das Unerwartete zulassend und die eigenen vorgeprägten Maßstäbe, Wahrnehmungsmuster für Augenblicke hinter sich lassen. Nur so kann auch wirklich Neues entstehen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die geistig wenig flexibel sind und zu glauben wissen, wie die Welt funktioniert, sich auch kaum mit Gedichten befassen können. Zumindest mit jener Art von Gedichten, die das innere Eigenleben erschüttern oder zumindest in Bewegung bringen können. Eine Verwandlung im Sinne von sich neu spüren oder sich innerlich neu verorten vollzieht sich dort, wo emotional aufgeladene Bilder oder die Realität durchdringende Metaphern, das scheinbar Widersprüchliche und Irritierende in der poetischen Sprache, an unbewusste Inhalte andockt und sich dadurch neue Perspektiven auf sich und die Welt ergeben.“

Gibt es Texte oder Gedichte, die Sie verwandeln oder verwandelt haben?

Cienfuegos: „Drei Dichter haben mich sehr geprägt: Pablo Neruda, Rafael Alberti und Rilke. Auch sehr beeinflusst, aber im geringeren Maße: Hermann Hesse, Julio Cortázar, Bertold Brecht, García Márquez. Bei Pablo Neruda ist es sein Werk Zwanzig Liebesgedichte und ein Lied der Verzweiflung – natürlich in der spanischen Originalversion. Die freie Versform, ohne in Reimzwänge zu geraten, die Sinnlichkeit und Tiefe der Texte, Poesie durch die Erschaffung von Bildern, die eine übergeordnete Realität symbolisieren. Ich trug dieses Buch lange Zeit bei mir. Es eröffnete mir eine andere Perspektive auf das Schreiben und damit verbunden auch eine Erweiterung meiner Wahrnehmung. Vor allem, dass ich immer wieder jedes Gedicht beim erneuten Lesen neu entdecken konnte, faszinierte mich. Dadurch erfuhr ich, welch große Bedeutung das Staunen-Können für mein Leben haben kann. Bei Rafael Alberti war es ähnlich. Vor allem sein Werk mar y tierra. Seine kraftvollen freien Verse suggerierten in mir das Gefühl von innerer Befreiung. Bei Rilke waren und sind es die Bilder, die er erschafft, die mir unter die Haut gehen. Es ist nicht unbedingt der Inhalt, sondern die Musikalität, die Tiefenwirkung der Metaphern und darin die wuchtige Gefühlswelt. Selten haben mich Worte so berührt und mich selbst selbst spüren lassen. Inwiefern diese Dichter – oder auch andere – meinen Schreibstil beeinflusst haben, kann ich aber nicht sagen. Sie haben jedenfalls mein Weltbild in gewisser Hinsicht verändert sowie meine Wahrnehmung sensibilisiert.“

Warum ist es, Ihrer Meinung nach, scheinbar schwerer, Menschen für Gedichte zu begeistern als – beispielsweise – für einen gängigen Roman?

Cienfuegos: „Bei einem guten Gedicht – oder besser gesagt bei dem, was ich als gutes Gedicht verstehe – wird erheblich mehr Eigenleistung vom Leser gefordert. Dem Leser wird keine fertige Mahlzeit geliefert. Sondern ihm werden lediglich die Utensilien bereitgestellt. So als ob man quasi einen Gemüsegarten und einen See vorfinden würde. Welches Essen und wie das Essen zubereitet wird, bleibt dem Leser überlassen. Der Leser wird zum Gärtner, Gemüsebauer, Fischer, Jäger und zum Koch gemacht. Und das ist leider für viele Menschen eine zu große Herausforderung. Die meisten möchten fast-food oder vorgefertigtes Essen. Man möchte sich im bereits verfestigten Weltbild bestätigen und nicht weiterentwickeln. Die Lyrik, zumindest meine Lyrik – die impressionistische Lyrik – traut dem Menschen mehr zu, fordert aber auch mehr. Der Vorteil: er gestaltet die Realität der Gedichte mit. Er entdeckt sie, spürt deren Pfade auf, die zu seinen eigenen werden und entdeckt dabei auch immer wieder neue Facetten seiner Persönlichkeit und seines Innenlebens. Lyrik ist selten ein bloßes Abbild von dem, was uns umgibt – zumindest für mein Verständnis – sondern bricht auf. Die Hauptfigur ist der Leser selbst. Bei einem Roman zum Beispiel gibt es Figuren, mit denen man sich identifizieren kann. Es wird ein Narrativ geschaffen, in das der Leser eintauchen kann. In einem Gedicht geht es weniger um Personen, die vorgestellt werden und die miteinander in Form von Handlungssträngen in Kontakt treten, sondern der lesende Mensch wird auf sich selbst zurückgeworfen. Er ist mit sich selbst konfrontiert. Der Drang, alles sofort und direkt verstehen zu wollen, blockiert all das, was eine eingehendere Analyse und Reflexion erfordern würde. Das über Konsumverhalten konditionierte Verlangen nach schnellem Vorankommen, ergebnisorientiertem Handeln – sofort wissen zu wollen, worum es geht – steht der tendenziell prozessorientierten Beschaffenheit eines Gedichts, in der vieles offen gelassen wird, entgegen. Lyrik erfordert eher ein Innehalten, Abbremsen, ein vertiefendes Verweilen. Aber oft korrespondiert die Erwartungshaltung des Lesers leider nicht damit.“

Leben wir in einer lyrischen Welt? Oder anders gefragt: Was in unserer Welt ist lyrisch?

Cienfuegos: „Die Welt und das Leben darin – all das Lebendige – ist vielschichtig. Je tiefer wir in die Sinnhaftigkeit von Existenz hinab- oder hinaufgleiten, umso mehr wird die Komplexität, die uns ausmacht, sichtbar. Für mich ist Lyrik jede Suchbewegung, die nach Authentizität, Kongruenz strebt. Das Verborgene hinter den Worten aufdeckend. Wir leben äußerlich in einer prosaischen Welt, aber je tiefer wir in sie eindringen, umso lyrischer wird sie. Das Offensichtliche ist lediglich die äußere Schale. All jene Gefühle, die intensiver sind: Liebe, Sehnsucht, Einsamkeit, Trauer, Hoffnung, Staunen – Ambivalenzen jeglicher Art – verlassen das Rationale, sind oft mit konventioneller Sprache nicht zu erfassen. Wir versuchen dann, in Bildern zu denken und zu sprechen. Dort, wo das Unaussprechliche um Definition ringt, setzt sich das Lyrische an. Letztendlich sind wir das, was wir spüren.“

Ist es – auch hinsichtlich der jeweiligen Sprachmelodie mit all ihren Komponenten – ein semantisches Abenteuer, ein spanisches Gedicht ins Deutsche zu übersetzen?

Cienfuegos: „Auf jeden Fall ist es eine Herausforderung. Semantik und Rhythmik, die innere und äußere Struktur bilden bei Gedichten für mich eine Einheit. Daher erscheint es so gesehen schwierig, dies zu trennen. Jedes Gedicht hat einen Korpus, eine Geschichte, einen Ursprung. Und dies ist untrennbar mit dem jeweiligen Sprachsystem verbunden. Und dieses Sprachsystem ist in die emotionale Aura des Gedichts eingebettet. Beim Übersetzen eines Gedichts entsteht es von neuem. Es verwandelt sich. Es sind unterschiedliche Sprachmelodien, unterschiedliche Tonfrequenzen, unterschiedliche Pausen, die sich Gehör verschaffen. Das Gedicht wird nicht einfach neu bekleidet, es nimmt eine andere Persönlichkeit an. Daher ist es für mich sehr wichtig, dass die Atmosphäre, die ein Gedicht ausstrahlt, in die jeweils andere Sprache transportiert wird. Sodass die Gefühlslandschaften, die im Leser erzeugt werden, zwar nicht dieselben sind – sie können es auch gar nicht sein – aber doch gleichbedeutsam einwirken.“

Woher kommt Ihre Liebe zum Schreiben und welche ist Ihre wichtigste Botschaft?

Cienfuegos:Liebe ist vielleicht der falsche Begriff. Es ist vielmehr das unbändige Bedürfnis nach Versprachlichung und damit nach Formgebung von Erfahrungen, Gefühlsregungen, Eindrücken. Erst wenn ich all dies – oder die Essenz davon – in die äußere Form der Sprache gegossen habe, werden sie mittelbar. Kommunizierbar. Dieses nach außen stülpen erschafft für mich Sinnhaftigkeit. Es ist eine innere Suchbewegung, die nach außen drängt, um sich zu verbinden. Der Drang nach Sinn und Verbindung. Sinn über Verbindung. Die eigene Geschichte bzw. Biographie im Jetzt zu integrieren: Sinngebende Präsenz. Ich habe keine Botschaft. Eine konkrete Botschaft – z.B. auf politischer Ebene – artikuliere ich anders, verwende andere Stilmittel, die wesentlich rationaler und direkter sind. Wenn ich aber als Poet ein Leitmotiv habe, dann ist es dieser Drang nach Sinn, Sinngebung, Verbindung. Stets als offener Prozess, niemals aufhörend, das Lebendige als permanenten Selbsterkennungsprozess zu begreifen. Dabei macht sich in meinen Texten ein holistischer Ansatz bemerkbar, den ich aber erst im Laufe der Zeit selbst nach und nach erkannt habe.“

Ist die sprachliche Gegenüberstellung auch als „Aufbruch“ zu verstehen? Um an Rückerts Wort zu denken: „Mit jeder Sprache mehr, die du erlernst, befreist Du einen bis daher in Dir gebundenen Geist“

Cienfuegos: „Jede Sprache beinhaltet jeweils unterschiedliche emotionale Strukturen wie Assoziationen. Du kannst nur erkennen, was du kennst. Und all das, was wir erkennen, erhält einen Namen bzw. eine Begriffszuordnung. Wir müssen es nennen oder benennen können. Jede Sprache bietet, so gesehen, für das Erkennen, für das Sortieren von inneren und äußeren Regungen oder Reizen sowie Reaktionen – ich nenne es Welt – jeweils unterschiedliche Deutungsmuster. Jede Sprache bietet – um beim Titel meines Buches zu bleiben – jeweils unterschiedliche Fenster. Die Gegenüberstellung beider Sprachen stellt in diesem Sinne einen Aufbruch dar – im Sinne von Entgrenzung – weil zwei unterschiedliche Frequenzen für die Wahrnehmung und Deutung von jeweils gleichen Bedeutungsinhalten zugänglich werden. Es kann eine Befreiung des gebundenen Geistes bedeuten in dem Maße, wie man dadurch den eigenen Sprachhorizont überschreitet, also: wenn man auch das zu erkennen vermag, was man nicht kennt.“

Für neugierige Leser: Was kennzeichnet gegenwärtig die spanische Lyrik?

Cienfuegos: „Die zeitgenössische spanische Lyrik charakterisiert sich – aus meiner sehr subjektiven Sicht – allgemein durch drei Strömungen. Eine starke Tendenz zum Konkreten. Meines Erachtens nimmt die aktuelle spanische Lyrik teilweise sehr ausgeprägte expressionistische Züge an. Sie versucht so präzise die subjektiv beobachtbare Welt zu beschreiben, dass Sprache auf ein Minimum reduziert wird und dadurch reduktionistisch wirkt. Hierin spiegelt sich relativ häufig der als frustrierend empfundene Alltag, der in weiten Teilen der jüngeren Generation von Arbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit geprägt ist. Wichtiges Merkmal: eine direkte, schnörkellose, fast fade wirkende Sprache. Andererseits gibt es auch wichtige Dichter und Dichterinnen, die politisch aktiv sind und deren Werke eine klare politische Botschaft enthalten, die für antikapitalistische Ziele und teilweise anarchistische Inhalte stehen, die für eine radikale Neuorientierung des Wertesystems im Sinne einer gerechteren Umverteilung materieller Güter in der Gesellschaft plädieren. Und schließlich jene Poesie, die den magischen Realismus repräsentiert, mit Sprache spielt, Alltagsszenarien skizziert, überzeichnet, das möglicherweise Verborgene sichtbar macht. Wo sich Phantasie und Realität vermischen und somit einen anderen Blick auf das scheinbar Unscheinbare ermöglicht. Selbstverständlich überlappen und durchmischen sich auch häufig diese Strömungen.“

Was ist für Sie das Schönste an der Deutschen Sprache? Und was am Spanischen?

Cienfuegos: „Die spanische Sprache verwendet deutlich mehr Vokale als Konsonanten. Das macht sie offener, weiträumiger. Die Betonung ist farbenreicher, vielfältiger. Dadurch wirkt sie bunter, melodischer, auch sanfter. Die deutsche Sprache ist exakter, präziser, biegsamer, wie flüssiges Metall direkt aus dem Schmelzofen. Man kann sie schmieden, umformen, mit ihr experimentieren und dadurch völlig andere Atmosphären schaffen. Ich vergleiche das mit einem Bausatz: Die Module in der spanischen Sprache sind gesetzt, man kann sie zwar in unterschiedlicher Form miteinander verknüpfen, aber die Module an sich sind kaum wandelbar. In der deutschen Sprache gibt es auch Module, aber diese können eher in ihre Einzelteile zerlegt werden und man kann aus den unterschiedlichen Einzelteilen jeweils andere Modulkonstrukte bauen. Mit der spanischen Sprache kannst du eher malen, mit der deutschen Sprache eher konstruieren. Die spanische Sprache ähnelt einem Pinsel, die deutsche Sprache einem Skalpell. In meinem Buch Jedes Wort ein Fenster lernt das Skalpell malen und der Pinsel lernt das Zerschneiden.“

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