Leben im Stubaital

Das „Stubai“ zählt zu den bekanntesten Regionen Tirols – und doch ist es ein Rückzugsort, wo das alpine Leben in Reinkultur zu spüren ist. Papke Film zeigt am 24.06.2020, 20:15 in der ORF III -Sendeschiene „Heimat Österreich“, wie die angestammten Menschen hier leben: ihren beruflichen Alltag, ihre Wünsche, ihre Herausforderungen.

Das Tiroler Stubaital ist das Haupttal der Stubaier Alpen, südlich von Innsbruck und schon an der Grenze zu Italien gelegen. Mitten im Tal und umgeben von den hoch aufragenden Alpen, steht ein Mann geduldig in einem gurgelnden Fluss und lässt eine Angelschnur über die Wasseroberfläche springen. Luis Töchterle, lange Jahre beim Österreichischen Alpenverein aktiv, hat sich zur Aufgabe gemacht, die vielfach unberührte wie unbekannte Flusslandschaft der Ruetz, dem Hauptfluss des Stubaitals, zugänglich und erlebbar zu machen. Gemeinsam mit vielen anderen gründete er den Wilde-Wasser-Weg“, den schließlich der örtliche Tourismus als natürlichen Anziehungspunkt in der Gegend für sich entdeckt hat. Der 35 Kilometer lange Fluss durchquert das geologisch vielfältige Tal und passiert mit Neustift, Fulpmes und Mieders auch einige seiner Hauptorte.

Die günstige Lage am Brennerpass als zentralem Alpenübergang verschaffte der Region wirtschaftlich schon früh größere Bedeutung. Im tieferen Tal überwog aber wie vielerorts eine landwirtschaftliche Struktur, die den Bewohnern ihr Überleben sicherte. Doch in Bezug auf die Landwirtschaft gab es eine Ausnahme: Erste Berichte aus dem späten Mittelalter weisen auf die Handwerkskünste im Tal hin. Bis heute finden sich noch einige Vertreter alter Zünfte im Stubaital.Vor allem aber lebt das Tal mittlerweile von den fremden Menschen, die es besuchen. Denn die Berglandschaft ist von wilder und oft rauer Schönheit. 109 Alpen- Dreitausender sind hier zu erleben. Und keiner kennt die Stubaier Berge so gut wie ihre Bergführer.

Die ersten ihrer Zunft waren im Allgemeinen Hirten und Bergbauern, die während der Sommermonate den ersten Touristen alpine Erlebnisse boten. Früh hat es im Stubai mit dem Bergführertum begonnen, mit angeregt vom so genannten ‚Gletscherpfarrer‘ Franz Senn, der seinen Lebensabend in Neustift verbrachte und mit dem Aufzeigen der Bergwege, dem Errichten von Berghütten und dem nachkommenden Drang romantischer Natursehnsucht und aufklärerischer Naturvermessung einen ersten und nachhaltigen Tourismusboom einleitete. Dass das Bergführerwesen auch heute noch gerne in der Familie bleibt, zeigen der über 80 Jahre alte Pepi Gleirscher und sein Sohn Peter, beide Bergführer aus Neustift, die die Berge der Gegend wie ihre Westentasche kennen. Gemeinsam mit seinem Sohn geht der alte Vater noch heute mehrfach die Woche die Berge hinauf. Weiterzumachen, ist eben wichtig.

Wo die Berge es zulassen, betreiben die Menschen aktiv Landwirtschaft und AlmbewirtschaftungBiobauer Martin Pfurtscheller vom Brollerhof in Neustift lässt sein Grauvieh nicht nur auf den Almen grasen, sondern mäht dort selbst noch öfter mit der Sense. „Und wenn das eben zuwächst, dann wächst halt nur mehr Holz – und dann haben wir halt nichts mehr“, so der Bauer über die Verpflichtung sorgsam mit der Natur umzugehen. Er sei nicht nur ein Landschaftspfleger und ein Tierbetreuer, sondern er schaue schon aufs Ganze. „Wir haben es ja auch eigentlich nur geliehen. Ich hab das bekommen, ich hab das jetzt zu verwalten, sage ich einmal – 40 Jahre – 30 Jahre habe ich es schon – ja, und nachher mag man schauen, dass man es eigentlich dem nächsten weitergibt. Weil wir bleiben auch nicht ewig.“ Auch sein Sohn Daniel hält genauso viel von Traditionen wie seine Eltern, ob er den Hof übernehmen will, ist aber noch unklar.

Was man schon von Ferne von den örtlichen Almen klingen hört, hängt den Kühen an breiten Lederriemen um den Hals und kommt aus der Glockenschmiede Stubai.Wobei die Kuhglocke rein technisch gesehen, eigentlich eine Schelle ist. Weil sie zumeist geschmiedet und nicht gegossen wird. Johann Hofer und sein Team haben es sich zur Aufgabe gemacht, Schellen und Glocken für das Weidevieh zu fertigen und exportieren ihr klingendes Produkt sogar bis ins umliegende Alpeneuropa, selbst wenn sie gar nicht immer wissen, wohin ihre Schellen eigentlich alle gehen. Ob die Söhne den Betrieb weiterführen werden, bleibt auch noch unklar. Und das ist ein Schicksal, das auch sein Kollege im südlichen Fulpmes mit dem Schellenschmied teilt.

Drechslermeister Christian Meyer hat dort die Drechslerei von seinem Vater übernommen. Zumindest solange er noch nicht in Pension geht, werden in seiner Werkstatt Werkzeuggriffe, Küchenutensilien oder Souvenirs gedreht. Vor allem aus dem derzeit besonders beliebten heimischen Zirbenholz: „Das Drechseln ist ein wunderschöner Beruf. Man kann sehr viel Kreatives machen. Immer wieder Abwechslung – und ich bin eigentlich ein Mensch, der gerne mit Holz arbeitet. Mir taugt es immer noch, wenn ich irgendwie so eine schöne Schüssel oder etwas mache, und nachher hat man eine Freude.“

Martin Stern hingegen ist der letzte Handweber im Tal. Sein Vater und sein Großvater bauten das Geschäft in Neustift auf, und dort sitzt nun Martin Stern Tag für Tag an seinem Webstuhl und sieht auf die Berge. Noch trotzt er wacker und bisweilen (für seine Zwecke) erfolgreich der mächtigen Großmarkt- und Billigwarenkonkurrenz. Wie lange noch, ist auch bei ihm eine Frage, aber über eines ist sich der Handweber im Klaren: „Im Prinzip: Mehr als zufrieden kann man ja nicht werden. Weil ich meine, man kann reich sein, aber unzufrieden. Aber wenn man zufrieden ist, nachher ist man eigentlich schon da, wo man eigentlich normalerweise hin will.“

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