Fleckerlwalzer und andere Stillstände

Nach Dem Österreichischen auf der Spur. Expeditionen eines NZZ-Korrespondenten stellte der Schweizer Autor, Journalist und politische Kommentator Charles Ritterband, langjähriger Auswärtskorrespondent der Neuen Zürcher Zeitung, seine neuen augenzwinkernden, feinsinnigen und humorvoll-kritischen Betrachtungen Österreich – Stillstand im Dreivierteltakt in Wien vor. Ein Gespräch über Betrachtungen, Hintergründe und Stillstände in der walzerseligen Alpenrepublik. 

Über den Titel des Buches Österreich – Stillstand im Dreivierteltakt
Ritterband: „Ich beobachte, dass eines der charakteristischen Merkmale dieser Republik wirklich der Stillstand ist. Das gegenseitige Blockieren, diese ewige Rede von unbedingt nötigen Reformen, die am Ende buchstäblich versandet. Auch der Dreivierteltakt ist ein Charakteristikum, weil es ein sehr genussfreudiges, sinnliches Land ist. Der Dreivierteltakt steht für diese Sinnesfreudigkeit, die man auch als katholische Sinnesfreudigkeit im Gegensatz zur protestantisch-puritanischen Sinnesfeindlichkeit sehen kann. Der Dreivierteltakt ist ja ein Takt, zu dem man sich bewegt. Aber die Republik steht still. So gibt es etwas in Wien, das ich als eifriger Besucher von Bällen kennengelernt habe: Das nennt sich Fleckerlwalzer. Da steht man letztlich still, also man kommt nicht vom Fleck. Man tanz an einem Fleck – Fleckerl, wie der Name sagt. Ich fand den Titel also sehr treffend, weil er eigentlich alles zusammenfasst. Ein krönendes Beispiel für meinen Titel ist die Bundespräsidentenwahl. Das ist ja der spektakulärste, historischste, Weltschlagzeilen machende Stillstand, den man sich überhaupt vorstellen kann.“

Über die Wahlkarten-Affäre bei der Bundespräsidentenwahl 2016.
Ritterband: „Ich fand, als ich das hörte, es gibt eigentlich kein sprechenderes Beispiel für die Mentalität hier, so wie ich sie in den letzten fünfzehn Jahren kennengelernt habe. Es gibt immer noch irgendwo ein Schlupfloch für Ausnahmen, für Improvisation, irgendeinen Notausgang. Genauso war es hier auch.“

Über die Ursache des Stillstandes.
Ritterband: „Ich glaube, das ist fast schon eine philosophische, sicher aber eine historische Frage. Ich denke, am Anfang steht der bewahrende konservative Geist des Kaisers und der Kirche. Die Kirche wollte ja um Gottes Willen nicht, dass irgendjemand irgendwie zu denken beginnt oder gar etwas verändern will. Es muss alles bewahrt werden. Und auch der Kaiser hat alles bewahrt. Das ist noch tief in den Köpfen drin, dieses Bewahrende. Dann kam das nächste Kapitel, dann die Republik und da waren die beiden Lager, die sich gegenseitig zeitweise bekämpft haben. Sie haben sich danach, als dann Friede herrschte zwischen Rot und Schwarz, in Schach gehalten. In Schach halten heißt ja Stagnation: Es darf sich um Gottes Willen nichts ändern und niemand darf etwas tun, was der Andere nicht gutheißt. Das ist eigentlich das Grundprinzip. Man sagt ja: Österreich ist zur ewigen großen Koalition verdammt. Das ist systemimmanent. Das System der beiden Koalitionsparteien hat auch diese typische österreichische Ausprägung des Föderalismus. Der österreichische Föderalismus, das sind die Landeskaiser, die Geld kriegen vom Bund und die ungeheuer mächtig sind. Die versuchen natürlich, ihre Macht zu bewahren. Sie wollen keine Reformen. Sie sitzen zusammen in der Landeshauptleutekonferenz, die es ja eigentlich gar nicht gibt. Das ist das mächtigste Gremium im Staat. Die blockiert alles, was die Regierung will. Und dann gibt es, was ich erst kürzlich gelernt habe: Den Minister und den Schattenminister. In England haben sie ein shadow-cabinet, aber das ist die Opposition. In Österreich sitzt der Schattenminister oder die Schattenministerin in der Regierung. Das heißt: Für jeden Minister haben sie ein Gegenstück in der anderen Regierungspartei und der blockiert dann das, was der eine will.“

Über die Parteigebundenheit der Medien. 
Ritterband: „Gerade was Medien und Politik betrifft, ist ja eigentlich auch der Stillstand eingebaut, indem sich die Politik Medien wie Schoßhunde hält. Indem sie Inserate schaltet oder Exklusivinterviews gibt. Das sind zugleich diese breiten Medien, die sich manipulieren lassen.“

Über die Auseinandersetzung Österreichs mit dem Nationalsozialismus.
Ritterband: „Das schärfste Beispiel für mich war, wie sich die FPÖ, die ja eigentlich eine alte Nazipartei ist, auch wenn sie das jetzt weit von sich weist – sie wurde ja von zwei SS-Leuten gegründet, was man nie vergessen darf – in die Opferrolle drängt, was etwas obszön ist, weil ja ihre Vorgänger gewissermaßen die Opfer – Juden und andere – geschaffen haben. Und dann sagte sie: Wir sind die neuen Juden. Das ist einerseits skandalös, andererseits völlig idiotisch. Ich finde, das steigert es zur Absurdität. Holocausleugner sind Sektierer. Schon eher ins Gewicht fallen Leute, die sagen: So, jetzt muss endlich einmal Schluss sein mit dem Thema und wir wollen es nicht mehr hören.“

Über das Bewusstsein der nationalsozialistischen Vergangenheit.
Ritterband: „Was da geschehen ist, das wirkt auch heute noch in ungleich stärkerem Maße nach. Wien und andere Städte wurden bombardiert. Die jüdische Elite wurde ermordet oder vertrieben. Und ich finde, vor allem das ist gravierend. Die Häuser hat man wieder aufgebaut. Aber dieses menschliche Potential ist weitestgehend verschwunden. Die Schriftsteller, die Wissenschaftler, die Musiker und so, die es vor 1938 gab, die sind weg. Der jüdische Intellekt fehlt. Ob man will oder nicht: Es wirkt nach. Ich fände es falsch, wenn jetzt der Deutsche oder der Österreicher täglich mit einem Schuldbewusstsein durch die Gegend schleichen. Aber Bewusstsein muss sein.“

Über das Parodieren der nationalsozialistischen Zeit.
Ritterband: „Ich finde, man darf sich darüber lustig machen. Ich bin immer für Humor. Aber es gibt geschmacklosen Humor und es gibt intelligenten Humor, bei dem man die Zielrichtung sieht. Und wenn die Zielrichtung die ist, den Nationalsozialismus lächerlich zu machen, zu entlarven, dann finde ich diesen Humor unglaublich wichtig und gut. Die verwandte Frage ist natürlich die – und die ist in Wien gerade hochaktuell: Darf ein Nichtjude jüdische Witze erzählen? Zwischen jüdischen Witzen und sogenannten Judenwitzen ist eine feine Linie. Erkennt man das nicht, werden sie sehr schnell antisemitsch. Warum? Das ist ganz einfach: Jüdische Witze sind zu einem sehr großen Teil selbstironisch. Sehr oft spielen diese Witze mit der Religion oder mit der Soziologie, spielen aber auch oft mit antisemitischen Klischees: Geld eigentlich immer oder mit dem tatsächlich vorhandenen Phänomen, dass Juden mit ihrer Religion und Gesetzen immer versuchen, diese Gesetze so auszulegen, dass sie mit ihnen leben können. Juden selber erzählen sich solche Witze. Aber aus dem Mund eines Nichtjuden, wenn’s dazu noch schlecht erzählt ist, ist es hundertprozentig und sofort antisemitisch, weil jüdische Witze gut zu erzählen ist eine Kunst.“

Darüber, dass sich der Österreicher von der eigenen Regierung viel gefallen lässt.
Ritterband: „Ja, das ist interessant. Ich fand immer, dass es ein Land der Nichtrevolution ist. Ich zitiere natürlich auch immer Kaiser Ferdinand, der den Metternich fragte, als draußen vor der Hofburg ein Aufstand war: Was ist denn das? – Das ist eine Revolution, Majestät. – Ja dürfen’s das denn? Das sagt eigentlich alles. Die Österreicher sind irgendwie nicht zum Aufstand geboren. Man geht dann zum Heurigen und man raunzt und man meckert, man tut eigentlich nichts dagegen. Andererseits gab’s natürlich diese großen Demonstrationen. Das darf man in diesem Zusammenhang nicht vergessen. Hainburg zum Beispiel, wo die Leute gegen brutalsten Polizeiterror und gegen Baumaschinen gekämpft haben – wirklich ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben. Es gab diese großen Demonstrationen gegen Blau-Schwarz. Es ist falsch, wenn man sagt, dass die Österreicher sich wirklich alles gefallen lassen. Aber generell ist der Österreicher, was ja sehr sympathisch ist, harmoniesüchtig. Wenn er die Wahl hat zwischen Protest und Raunzen, dann zieht er das Raunzen vor. Es hat wohl auch mit Masochismus zu tun. Ich glaube, dass der Österreicher einen masochistischen Touch hat. Er lässt sich gerne prügeln: Von Beamten, von der Regierung, von Kommentatoren. Er bittet gerade darum: Er hat wieder kritisiert zu werden, möglichst von einem ausländischen Journalisten. Und wenn man ihn dann aber kritisiert, dann wird er ganz wütend und sagt: Das ist unfair! Sei still und geh nach Hause! Und: Du hast kein Recht, als Ausländer, uns zu kritisieren! Das Raunzen repräsentiert eine Freude am Leiden. Ich meine, der Masochismus und der Minderwertzigkeitskomplex sind verwandte Phänomene. Man darf schon nicht vergessen: Österreich war einmal ein riesiges Reich. Diese Prachtgebäude, die daran erinnern passen nicht in eine kleine Alpenrepublik.“

Über den Schwejk im Österreicher.
Ritterband: „Die Österreicher haben schon einen sehr slawischen Einschlag. Gerade das tschechische Element und das Ungarische, die spielen eine ganz große Rolle. DIe Tschechen, die haben immer ein bisschen das Jammernde. Aber gleichzeitig haben sie auch diesen Schwejk’schen Humor. Also, was macht der Schwejk? Der lehnt sich nicht physisch auf gegen die Autorität, die ihn quält, sondern er ist schlau und leistet eigentlich passiven Widerstand. Das ist diese Schwejk-Figur. Und das tut der Österreicher irgendwie auch.“

Über den Unterschied zwischen der Schweiz und Österreich.
Ritterband: „Einer der wesentlichesten Unterschiede zwischen der Schweiz und Österreich ist der, dass die Österreicher immer noch ein bisschen Untertanenmentalität haben. Sie lassen sich vom Staat einschüchtern, wohl auch unterdrücken, auch enttäuschen. Aber gleichzeitig ist der Staat der Übervater, der Geschenke gibt und von dem man alles erwartet. In der Schweiz ist das nicht so. Man schaut dem Staat auf die Finger und man weiß genau: Wenn der Staat mir etwas gibt, zahle ich dafür. Der Schweizer ist im Grunde genommen sehr sehr kritisch gegenüber der Regierung, aber man tut auch was dafür. Weil die Schweiz – und das ist der weitere große Unterschied – hat ein Milizsystem. Die österreichischen Politiker haben ihr Leben lang nichts anderes getan, als stundenlang in verrauchten Konferenzräumen zu hocken, Parteisitzungen zu veranstalten und Phrasen zu dreschen. Der Politiker aus der Schweiz hat einen Job, einen Beruf und daneben ist er Politiker. Der Österreicher ist Politiker. Das ist sein Beruf. Dasselbe in der Armee. Die Schweizer haben eine Milizarmee: Die Offiziere sind Architekten, Bauern, Direktoren etc.“

Über den Unterschied zwischen der Schweiz und Österreich in der Sprache.
Ritterband: „Ich glaube, die Schweizer sind einfach sachlicher, trockener und bringen mehr rüber. Nehmen wir wieder einen Politiker: Jeder Satz hat eine Aussage, einen Sinn. Er sagt lieber weniger als mehr. Und er bleibt bei der Sache. Der Österreicher ist barock.“

Über das Binnen-i.
Ritterband: „Ich stehe dazu, dass es das eigentlich nicht gibt. Also, das heißt, ich habe das getilgt. Ich finde es idiotisch. Es ist auch vom Schriftbild her idiotisch. Dadurch wird eine jahrhundertelange Diskriminierung um hundertachtzig Grad umgekehrt. Denn dann werden die Männer diskriminiert. Das kann’S ja wohl auch nicht sein. Die Frauen sagen sogar sehr oft, das sei eigentlich eine Verschleierung der eigentlichen Probleme.“

Über Österreichs Dilemma als Transit- und Asylland.
Ritterband: „Österreich ist natürlich ein Transitland, weil es zwischen dem Balkan, den südlichen Ländern und Deutschland liegt. Österreich wurde immer als Durchgangsland benutzt. Das ist wirklich eine schwierige Situation. Ich finde, dass Österreich letztlich schon richtig reagiert hat. Es hat ja sehr viele Flüchtlinge aufgenommen, auch in der Proportion zu Amerika unglaublich viele. Dennoch finde ich, man darf die Gefahr nicht unterschätzen, die von Flüchtlingen aus einem Land wie Syrien, hereinkommt. Diese Leute wurden ihr Leben lang mit ungeheurer Israelfeindlichkeit – zu einem Hass auf Israel und damit mit einem Hass auf Juden indoktriniert. Wenn die jetzt zu Zehntausenden in ein Land kommen, das gerade dabei ist, sich vom Antisemitismus zu befreien, ist das natürlich eine heikle Geschichte.“

Über Intergration.
Ritterband: „Es gibt genügend Länder, die uns vormachen, wie es funktionieren kann. Länder wie Amerika oder Israel haben ein ungeheuer erfolgreiches Integrationssystem. Es ist ganz wichtig, dass man dahinter ist. Dass man die Vermittlung der Sprache, der Werte wirklich ganz scharf betreibt. Und das haben diese Länder eben auch gemacht. Wenn man es nur so locker macht, dann geht das nicht. WEnn man das nicht macht, dann bilden sich Inseln. Wenn in diesen Inseln Jugendarbeitslosigkeit herrscht und Leute da sind, die sie aufhetzen – islamistisch in diesem Fall – dann ist der Teufel los.“

Über Humor bei der Betrachtung dieser vielfältigen, komplexen Themen in Österreich.
Ritterband: „Humor ist entscheidend. Vieles hier ist so skurril und eigentlich eher belustigend, dass man dem nur mit Humor gerecht wird.“

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